handeln im Gegeneinander ihrer Interessen auf den Musikmärkten stets auf neue Weise aus, welche Musik als "populäre Musik" akzeptiert ist und welche nicht, was hier erfolgreich ist und was nicht. Für die Musiker, die ihre musikalischen Vorstellungen erfolgreich verwirklichen wollen, stehen dabei andere Aspekte im Vordergrund als für die Tonträgerfirmen, die - wie alle Unternehmen - nach hoher Rendite streben, oder für die Hörer, die nach Musik suchen, mit der sie sich identifizieren können. In diesem Prozess werden gleichsam die Karten immer wieder neu gemischt, was gestern unmöglich schien, kann morgen schon ein großer Hit sein und was sich heute noch als Superhit darstellt, kann morgen schon vergessen sein.
Zur Geschichte der populären Musik
Herausgebildet hat sich die populäre Musik als Kategorie des Musiklebens
gebunden an die schrittweise Kommerzialisierung der Musikkultur im letzten
Drittel des 18. Jahrhunderts auf zwei unterschiedlichen Wegen,
die beide den Charakter der populären Musik bis beute geprägt
haben:
Der Übergang der volksmusikalischen Traditionen an professionelle
Komponisten begann im 19. Jahrhundert. Er war eine Folge des mit
der Veränderung der Lebensweise im Zuge der industriellen Revolution
verbundenen rasch steigenden Musikbedarfes, der dazu führte, dass
Volkslieder und Volkstänze nun in möglichst genauer Kopie von
sich darauf spezialisierenden Komponisten gleichsam "nachkomponiert"
wurden. Typisch in dieser Hinsicht waren die volkstümlichen Lieder,
die in der Nachahmung des Volksliedes entstanden (etwa das bis heute lebendige
Wiener Lied), oder auch die Herausbildung
vieler Formen der Tanzmusik aus Volkstanzformen (z. B. des Walzers
aus dem volksmusikalischen Ländler). Ganz ähnliche Vorgänge
lassen sich später dann bei der Umwandlung des Country Blues in den
Vaudeville Blues oder
der euroamerikanischen Volksmusik in die Country
Music beobachten.
Die Popularisierung der Kunstmusik als der zweite kulturhistorische Prozess,
der die Kategorie populären Musik mit Inhalten gefüllt hat,
steht im unmittelbaren Zusammenhang mit der Emanzipations- und Aufklärungsbewegung
des revolutionären Bürgertums, das seinen auf die Musik übertragenen
Ausdruck 1781 in JOHANN HEINRICH PESTALOZZIs (1746-1826) Forderung
"Das ganze Volk soll an der Musik teilhaben"
fand (J. H. PESTALOZZI, Die Abendstunde eines Einsiedlers, Gesammelte Werke I, Leipzig/Berlin 1921, 271). So wurden ab Anfang des 19. Jahrhunderts einzelne Sätze aus größeren Werkzusammenhängen oder auch ganze Werke für Aufführungen überall da, wo sie das Volk erreichen konnten -
bearbeitet und für geeignete Besetzungen eingerichtet. Auch in die verschiedenen Formen der Gebrauchsmusik gingen nun musikalische Techniken und Formen aus der Kunstmusik ein. So finden sich das Streichquartett und der Streichquartettsatz nun in der Tanzmusik, etwa in Form des Quartett-Walzers, ein Vorläufer des Wiener Walzers. Der Wiener Walzer war eine Synthese aus Tanzmusik und sinfonischer Tradition der Orchestermusik - JOHANN STRAUSS (1825-1899) nutzte vielfach die gleiche Besetzung und Satzweise wie BEETHOVEN in seinen Sinfonien. Allerdings fanden die ideologisch motivierten Demokratisierungsbestrebungen ihre Grenze in den ökonomischen Interessen des Bürgertums. Die setzten sich nun auch in der Musikproduktion und -verbreitung zunehmend durch, so dass derartige Popularisierungsversuche von Kunstmusik sehr bald schon in eine Trivialisierung und Verflachung mündeten. So reduzierte die rasch um sich greifende Praxis der Bearbeitung vorhandener Kompositionen - wirtschaftlich außerordentlich profitabel, weil dasselbe Musikstück in unterschiedlichen Bearbeitungen mehrfach verkauft werden konnte - die Vorlagen zwangsläufig auf ihre harmonisch-melodischen Umrisse und den Oberstimmenverlauf. In dieser Form blieb von der ursprünglichen Werkgestalt dann nicht mehr viel übrig. Dennoch war die Übernahme
ein wichtiges Moment in der Entwicklung der populären Musikformen
bis hin zur Rock- und Popmusik unserer Tage (Bild 1). Die ursprünglich
zugrunde liegende Intention der Popularisierung der Kunstmusik spielt
dabei freilich schon lange keine Rolle mehr.
Einen Wendepunkt für die Entwicklung der Kategorie populäre
Musik und ihrer Verankerung auf dem Musikmarkt bedeutete
Fortan konnte Musik im Wortsinn zu einem allgegenwärtigen Bestandteil des Alltags werden, per technischer Konserve dem unmittelbaren und beliebigen Zugriff verfügbar gemacht. Vor allem aber konnte sie nun
Daraus gingen sowohl eine neuartige Symbiose von Musik und Technik als auch ein neues Verhältnis von Musik und Wirtschaft hervor. Beides hat der Kategorie der populären Musik als Terrain der kulturellen Auseinandersetzung um das "Populäre" in der Musik eine völlig neue Dynamik vermittelt, die bis heute anhält (verwiesen sei nur auf die Auseinandersetzungen um File-Sharing und Musik-Downloads im Internet).
Industrialisierung der Musik
Aus Musik wurde ein industriell und arbeitsteilig organisierter komplexer
Prozess, der im kollektiven Zusammenwirken von
realisiert wird. Sie alle sind sowohl in den Studios wie bei der Live-Aufführung am musikalischen Gesamtergebnis maßgeblich beteiligt. Auch die Rolle der Interpreten hat sich hierbei verändert. Ihr Anteil am künstlerischen Endergebnis ist mittlerweile ein solcher, dass von der "Interpretation" eines von ihnen unabhängigen Musikstücks nun nicht mehr die Rede sein kann. Sie sind nun nicht mehr austauschbar, ohne dass ein anderes Stück Musik entsteht. Die in der Gegenwart so beliebten Cover-Versionen vergangener Hits sind ein eindrucksvolles Spiel mit diesem Effekt. Eine nachhaltige Konsequenz daraus war die Bildung von Autoren- und Produzententeams beziehungsweise die Bildung von Gruppen wie in der Rockmusik als kollektive Einheit von
In einer solchen Organisationsform musikalischer Praxis liegt eine Vielzahl neuer Möglichkeiten des Musizierens, die zu neuen klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten und neuen Inhalten geführt haben. Populäre Musik ist heute ein hochgradig industrialisiertes Terrain der Musik, das sich mit einer verwirrenden und kaum noch überschaubaren Vielfalt von Erscheinungsformen verbindet, die in immer rascherem Wechsel einander ablösen.