




Die Vorläufer
Reggae ist verwurzelt in einer als Mento
bekannt gewordenen Form der afrokaribischen Tanzmusik, die sich aus den
musikalischen Traditionen der farbigen Bevölkerungsmehrheit Jamaikas,
den Maroons (Nachfahren der aus
der Region des heutigen Ghana auf die Insel verbrachten Sklaven) speist.
Diese im Wesentlichen perkussive musikalische Tradition verband sich mit
der Quadrille, der Tanzmusik der spanischen
Kolonisatoren. Daraus entstand im 19. Jh. eine durch ein reichhaltiges
Perkussionsinstrumentarium sowie durch Banjo oder Gitarre begleitete Tanzmusik,
die zu Beginn des 20. Jh. unter den Einfluss des in der Region weitverbreiteten Calypso (Hörbeispiel 1)
geriet und bereits alle Insignien jenes unverwechselbaren "schlurfenden"
Rhythmus besaß, der dann für den Reggae charakteristisch werden
sollte. Mento befand sich in den 1930er- und 1940er-Jahren auf dem Höhepunkt
seiner Popularität, bevor er in den 1950er-Jahren dem Ska
(Rhythmusbeispiel in Hörbeispiel 2) weichen musste, einem unmittelbaren
Vorläufer des Reggae.
Ska war eine besondere Spielweise
des aus den USA importierten Rhythm &
Blues. Dabei wurden jeweils die ersten beiden Achtel der für
den Rhythm & Blues charakteristischen Achteltriolen zusammengefasst,
das letzte dagegen scharf akzentuiert. Diesem von Gitarre, Klavier und
Bläsern getragenen Rhythmus war in Schlagzeug und Bass ein 4/4-Beat
mit markanter 2-4-Betonung unterlegt, sodass das Ganze wie zwei übereinanderliegende, parallel laufende Rhythmen wirkte.
Sound Systems
Ausgangspunkt für diese Entwicklung waren Anfang der fünfziger
Jahre die "Sound
Systems" genannten mobilen
Diskotheken im Freien - oft nicht mehr als ein paar auf einen
Lieferwagen montierte, überdimensionierte Lautsprecher -, deren
Plattenbedarf schon bald allein durch USA-Importe nicht mehr gedeckt werden
konnte, sodass sich die Diskjockeys (in Jamaika "Sound
System Men") talentierte Sänger
von der Straße in die Studios holten und für den Eigenbedarf
Platten produzieren ließen. Sie enthielten auf der Rückseite
noch einmal den gleichen Titel wie auf der A-Seite, nur ohne Melodie und
Gesang (Dub
Version), lediglich mit dem Rhythmushintergrund,
auf den die Diskjockeys dann sprechen oder singen und die Tänzer
zum Mitmachen animieren konnten.
Diese Praxis der Sound System Men hat die Entwicklung
der populären Musik in Jamaika entscheidend geprägt,
bekam die rhythmische Basis doch damit eine mehr oder weniger eigenständige
Funktion. Und eben das war die Triebkraft für den Wandel vom Ska
zum Reggae. Musikalisch ist der Ska ein unmittelbarer Vorläufer des
Reggae, lediglich die ohnehin schon vielschichtige Rhythmik ist nun noch
wesentlich komplexer.
Rastafarianismus
Im Prozess der Entwicklung vom Ska zum Reggae spielte der Rastafari-Kult (Bild 1), dem auch die meisten der Reggae-Musiker zumindest zeitweilig
verpflichtet waren, eine entscheidende Rolle. Reggae entstand durch eine
musikalische Reafrikanisierung des Ska, was der religiösen Verehrung
Afrikas im Rastafari-Kult entsprach. Der Rastafarianismus sieht im afrikanischen Kontinent das "gelobte Land" eines kommenden
Messias, durch den dann alle Schwarzen zurück auf den Boden ihrer
Vorväter, zurück in ihre einstmalige Freiheit geführt werden
würden. Der Rastafari-Kult vermittelte damit der schwarzen Bevölkerung
Jamaikas ein neues Selbstbewusstsein, das schließlich auch zur politischen
Kraft wurde. Im Reggae durchdringt sich beides und steht zugleich nebeneinander,
immer aber eingebettet in eine starke Sehnsucht nach Afrika, nach der
eigenen kulturellen und ethnischen Identität.
Musikalisch bedeutete das, dass in den Ska die komplexe und vielschichtige
Rhythmik afrikanischer Musik eingebracht wurde. Verbunden mit einer erheblichen
Verlangsamung des Tempos, dem Wegfall der Bläser sowie der Ablösung
des Klaviers durch die Orgel, okkupierte der Rhythmus das musikalische
Geschehen schließlich völlig. Das Ergebnis wurde nach einer
1967 außerhalb Jamaikas als erstem Zeugnis dieser Musik bekannt
gewordenen Produktion der MAYTALS - "Do the Reggay" (1967)
- benannt.
Kennzeichen des Reggae
Hauptkennzeichen des Reggae (Rhythmusbeispiel
in Hörbeispiel 3) ist neben der unablässigen Wiederholung
der zentralen Textaussagen in sich gleichbleibenden musikalischen Passagen
vor allem der aus dem Zusammenwirken aller Instrumente aufgebaute komplexe
Rhythmus mit seiner auffälligen 2-4-Betonung und den vielfältigen
synkopischen Brechungen.

Die Botschaften der Reggae-Texte sind in einer für Außenstehende kaum verständlichen Metaphernsprache abgefasst.
Entwicklung
Eine Schüsselrolle für Herausbildung und Entwicklung des Reggae
spielte der jamaikanische Diskjockey, Produzent und Promoter CLEMENT
"SIR COXSONE" DODD (1932-2004), der in den 1950er-Jahren
eines der ersten Sound Systems in Jamaica - Vorläufer der späteren
mobilen Diskotheken - betrieb. Er hat mit dem Abspiel oft obskurer
Rhythm & Blues-Platten aus den USA nicht nur wichtige Anregungen geliefert,
sondern in seinen Veranstaltungen jamaikanischen Musikern ein öffentliches
Forum geboten und sie schließlich ab Anfang der 1960er-Jahre im
eigenen Studio, dem legendär gewordenen "Studio
One", auch produziert.
Die mobilen Diskotheken behielten ihre zentrale Stellung in der Reggae-Kultur
und mit ihnen die Diskjockeys, deren "Toast"
genannte Moderationen dann häufig in einen über die Musik gelegten
Sprechgesang mündeten. Das "Toasten",
dem afroamerikanischen Rap vergleichbar und eine seiner Wurzeln, ist bis
heute ein charakteristisches Kennzeichen der Reggae-Kultur auf Jamaika
geblieben.
Es war dann hauptsächlich BOB MARLEY (1945-1981, Bild 2) mit seinen WAILERS und Platten wie
der diese Musik ab 1976 weltweit bekannt machte.
In den 1980er-Jahren haben sich die Spielweisen des Reggae immer weiter
ausdifferenziert. Der mit der Rastafari-Bewegung verbundene, nun auch
als Roots Reggae bezeichneten
Ausprägung dieser Musik steht heute ein Dancehall Style - Dancehall
Reggae - gegenüber, der sich seinerseits von dem bassbetonten Dub unterscheidet.
Reggae in Großbritannien
Zu einer relativ eigenständigen Reggae-Entwicklung ist es durch die
hier lebenden jamaikanischen Musiker in Großbritannien gekommen.
Ein recht frühes Beispiel dafür ist DANDY
LIVINGSTONE (* 1944), erster namhafter britischer Reggae-Star,
der mit seinem
einen großen Hit landete. Doch verband sich der britische Reggae dann hauptsächlich mit den Namen von Gruppen wie STEEL PULSE oder MISTY IN ROOTS, die ihn in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre auch jenseits der ethnischen Minderheiten in Großbritannien populär machten. Über sie ist der Grundrhythmus des Reggae Ende der 1970er-Jahre in den "New Wave" genannten Entwicklungsstrom der Rockmusik übernommen worden und hat hier die Spielweise vieler Gruppen nachhaltig geprägt.
Beispiele für New-Wave-Bands mit starken Reggae-Einflüssen sind etwa POLICE mit ihren LP-Produktionen
um nur diejenigen zu nennen, die damit stilbildend geworden sind.