








Begriffsbestimmung
Das Requiem ist die Totenmesse
("Missa
pro defunctis", Messe für die
Verstorbenen). Es ist damit ein Spezialfall der (katholischen) Messe (Bild 1).
Die Bezeichnung "Requiem" stammt von den Anfangsworten des ersten
Teils her, des Introitus ("Eingang",
der Einzugsgesang):
"Requiem aeternam dona eis Domine" ("Ewige Ruhe schenke ihnen, Herr ...").
Dieser Totengottesdienst wird vor allem zu folgenden Anlässen aufgeführt:
Das Requiem unterscheidet sich durch diese Funktionsbestimmung also
erheblich von der sozusagen "alltäglichen" Messe. Besonders
die individuellen Anlässe prägen dann die Gattungsgeschichte.
Musik- und kompositionsgeschichtlich ist das Requiem die Gattung
der großen Einzelwerke. Die herausgehobene Thematik Tod (Gegenstück
zum anderen Zentralthema der Musik, der Liebe), verstärkt Anspruch
und Besonderheit.
Wie die Messe, so folgt auch das Requiem als sehr langlebige Gattung musiksprachlich,
in Material, Technik, Stil, Satztypen u. Ä. im Prinzip den jeweils
epochal und regional gültigen Standards kunstmusikalischen Komponierens.
Im Unterschied zur Messe gibt es (abgesehen vom 16. Jh.) keine derartige
Fülle an zeitgleichen sowie kontinuierlich aneinander anknüpfenden
Werken, als dass sich eine der Messkomposition vergleichbare Gattungstradition
hätte bilden können. Der normative
Text bildet allerdings einen gemeinsamen Bezugspunkt der oft sehr
unterschiedlichen, stilistisch hochindividualisierten Werke.
Neben unmittelbar liturgischer Musik
für den Gebrauch im Gottesdienst oder prunkvoller anlassbedingter
Auftragsmusik dient das Requiem
Schon im 19. Jh. emanzipiert sich das Requiem häufig aus liturgisch-kirchlichen Bindungen und wird im Konzert aufgeführt. Im 20. Jh. weitet sich der Requiem-Begriff aus und bezieht sich auf eindeutig nicht-liturgische Werke: mit zusätzlichen Texten oder sogar als rein instrumentale Werke.
Aufbau des Requiems
Das Requiem ist einer der ältesten Bestandteile der katholischen
Liturgie und wird bis heute praktiziert. Es enthält Teile bzw. Sätze
aus den "gewöhnlichen", unverändert wiederkehrenden
Textteilen der Messe, dem "Ordinarium
missae", und aus dem "Proprium
missae" (die "eigentümlichen",
im Kirchenjahr wechselnden Textteile der Messe; im Requiem liegen die
Texte allerdings fest). Credo (Glaubensbekenntnis) und festlich-freudiges
Gloria (Lobpreisung Gottes) des Ordinariums entfallen. Im Requiem-Zyklus
verbinden sich Elemente von Ordinarium und Proprium missae. Die noch heute
im Wesentlichen gültige Einteilung und Abfolge wurde im Gefolge der
Gegenreformation nach dem Konzil von Trient
1570 festgelegt:
Diese Teile werden oft nochmals in weitere musikalische Sätze ausdifferenziert, besonders das "Dies irae", das eindrucksvolle Kernstück des Requiems.
Geschichte und Typen des Requiems bis zum 19. JahrhundertIn der 1. Hälfte des 19. Jh. spaltete sich dann im deutschsprachigen Raum die gattungsgeschichtliche Entwicklung des Requiems in
Mit dem 19. Jh. entwickeln sich drei Haupt-Typen des Requiems:
4. alte, traditionelle Texte, dazu gegebenenfalls neue, zusätzliche Texte:
BENJAMIN BRITTEN (1913-1976, Bild 6): Requiem für Sopran, Tenor, Bariton, Knabenchor, gemischten Chor, Orchester, Kammerorchester und Orgel (1960/1961, Requiem-Texte und Gedichte von WILFRIED OWEN, 1893-1918), anlässlich der Wiedereröffnung der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kathedrale von Coventry
5. neue Texte, vorwiegend oder ausschließlich:
BERND ALOIS ZIMMERMANN (1918-1970): Requiem für einen jungen Dichter für Sprecher, Sopran, Bariton, drei Chöre, elektronische Klänge, Orchester, Jazzcombo und Orgel (1967/1969, nach Texten verschiedener Dichter, Berichte und Reportagen), als "Lingual" (etwa: Sprechwerk) bezeichnet.
6. rein instrumentales Requiem
Vorformen waren hier kleinere instrumentale, außerliturgische Gattungen des Totengedenkens:
Der Aufbau der Instrumentalwerke im 20. Jh. erfolgt dabei
a) in Anlehnung an die traditionelle Requiem-Struktur:
BENJAMIN BRITTEN (1913-1976, Bild 6): "Sinfonia da Requiem" (1940)
b) vermischt mit anderen Gattungen:
HANS WERNER HENZE (* 1926, Bild 7), neun geistliche Konzerte für Klavier solo, konzertierende Trompete und Kammerorchester (1990/1992). Die Satzfolge orientiert sich u. a. an den "Kleinen Geistlichen Konzerten" von HEINRICH SCHÜTZ (1585-1672); die Zahl der Sätze entspricht den neun Grund-Textbausteinen des Requiems.
c) neutralisiert zu Untertitel bzw. Widmungsbezug:
MAURICE RAVEL (1875-1937, Bild 8): "Tombeau de Couperin", geschrieben 1917 zunächst für Klavier im Gedenken an im Ersten Weltkrieg gefallene Freunde