



Rockmusik „made in Germany“ ist der einheimische Abkömmling einer globalisierten Musikpraxis angelsächsischen Ursprungs, der sowohl auf dem professionellen Sektor wie auch im nichtprofessionellen Bereich des Musizierens auf breiter Basis Fuß gefasst hat. Charakteristisch sind die überwiegend deutschsprachigen Texte, auch wenn eine Reihe sehr erfolgreicher Bands mit deutschen und englischen Versionen ihrer Songs zweisprachig oder vereinzelt auch nur in englischer Sprache produziert haben.
AnfängeSchon in den 1950er Jahren besaß der Rock’n’Roll mit PETER KRAUS (Peter Siegfried Krausnecker, geb. 1939) oder TED HEROLD (Walter Bernhard Schubring, geb. 1942) erfolgreiche einheimische Vertreter. Allerdings blieben die noch sehr eng an die amerikanischen Vorbilder angelehnt. PETER KRAUS galt damals sogar als „deutscher Elvis“. Auch die deutschen Beatgruppen der ersten Stunde waren wie die LORDS oder die RATTLES noch direkte Pendants ihrer britischen Vorbilder. Beide gingen aus Wettbewerben hervor, die unter dem Motto „Wer spielt wie die BEATLES?“ veranstaltet wurden. Der Erfolg hielt sich allerdings sehr Grenzen. Obwohl sie in den Vorprogrammen internationaler Spitzenbands auftraten – die RATTLES 1966 sogar für die BEATLES während ihrer BRD-Tournee –, reichte es zu einem internationalen Erfolg nicht.
Dass sich dennoch eine deutsche Rockszene von beachtlicher Kreativität entwickelte, wurde 1968 auf den von ROLF-ULRICH KAISER (geb. 1943) organisierten 1. Internationale Essener Song Tage offenbar. Die Veranstaltung, ein Produkt der Studentenbewegung, war als Bestandsaufnahme für politisch alternative Musikpraxis angelegt. Angesichts der damals von den USA ausgehenden Politisierung des Rock lag es nahe, neben den internationalen Repräsentanten politischer Rockmusik wie den amerikanischen FUGS und FRANK ZAPPA’S MOTHERS OF INVENTION auch die einheimische Rockszene als Alternative zum herrschenden Kulturbetrieb zu präsentieren. FLOH DE COLOGNE, TANGERINE DREAM, GURU GURU und AMON DÜÜL wurden hier erstmals einem größeren Publikum vorgestellt.
ROLF-ULRICH KAISER kam auch in der weiteren Entwicklung eine Schlüsselrolle zu. Über seine 1970 gegründete Firma Ohr Musik Produktion und den ihr angeschlossenen Labels Ohr und Pilz veröffentlichte er die Erstlingsproduktionen von über dreißig Gruppen – neben AMON DÜÜL, GURU GURU und TANGERINE DREAM insbesondere BIRTH CONTROL, ANNEXUS QUAM, EMBRYO, ASH RA TEMPEL sowie den Elektronik-Spezialisten KLAUS SCHULZE (geb. 1947) und die Gruppe BRÖSELMASCHINE.„Krautrock“
»Zeitgeist«-Musik ist wohl die beste Umschreibung für das Stilprofil, das diese Bands repräsentierten und das auch im Ausland zum Markenzeichen bundesdeutscher Rockmusik wurde. Mit bedeutungsschweren Texten, weiträumigen Klangfeldern anstelle klar gegliederter Songstrukturen, mit komplexen elektronischen Klangmanipulationen und der Integration von Elementen aus der zeitgenössischen Avantgarde der E-Musik, aus Free Jazz und außereuropäischen Musikkulturen durchbrachen sie die Muster der angloamerikanischen Rockmusik. Die ironische Bezeichnung „Krautrock“, die die englischsprachige Musikpresse für diese so ganz aus der Art geschlagene Rock-Version aus Deutschland (West) aufbrachte, ist ein Hinweis darauf, dass sich diese Bands mit ihrem meditativen Musikkonzept auch international etablieren konnten.
Mitte der 1970er Jahre traten dann Hard-Rock-Formationen wie KARTHAGO, LAKE oder die SCORPIONS ins Rampenlicht, denen ihre Herkunft kaum mehr anhörbar war. Einen Einfluss auf die die internationale Musikentwicklung vermochte allerdings nur die noch immer aktive Düsseldorfer Electronic-Rock-Band KRAFTWERK zu nehmen, die mit Produktionen wie „Autobahn“ (1974), „Radioaktivität“ (1976) oder „Trans-Europa-Express“ (1977) ein Jahrzehnt später bei der Entstehung des Detroit Techno hörbar Pate gestanden und damit eine nicht unwesentliche Rolle für die Geburt der elektronischen Tanzmusik gespielt hat.
In Deutschland selbst hielt sich die Resonanz damals allerdings noch in Grenzen. Hier war es UDO LINDENBERG (geb. 1946) mit seinem PANIK-ORCHESTER vorbehalten, einer einheimischen Variante der Rockmusik den Weg zu bahnen (z. B. „Alles klar auf der Andrea Doria“, 1973; „Votan Wahnwitz“, 1975). Das erste deutschsprachige Rockalbum veröffentlichte schon 1970 die Nürnberger Gruppe IHRE KINDER (LP „Leere Hände“). Die musikalisch dem Rhythm & Blues verpflichteten Songs waren gesellschaftspolitisch relevanten Themen gewidmet, was die Band in die Nähe des Polit Rock rückte, der lange Zeit als ein Synonym für deutschsprachige Rockmusik galt. Allerdings war Rockmusik in diesem Zusammenhang nicht mehr als ein Transportmittel für politische Texte, die der Agit-Prop-Tradition aus den 1920er Jahren verpflichtet waren. FLOH DE COLOGNE, HOTZENPLOTZ, FRANZ K., CHECKPOINT CHARLIE, TON STEINE SCHERBEN und LOKOMOTIVE KREUZBERG gehörten zu den erfolgreichsten Vertretern dieser Richtung. Deutschsprachig produzierten auch einige Folk-Rock-Bands wie HÖLDERLIN oder NOVALIS. Doch sorgte die hier gepflegte romantische Innerlichkeit dafür – die Gruppennamen sind programmatisch –, dass der Kreis, der davon angesprochen wurde, sehr klein blieb.
Neue Deutsche Welle
Unter dem Einfluss des britischen Punk Rock und der amerikanischen New Wave kam es Ende der 1970er Jahre dann zu einem regelrechten Boom deutschsprachiger Rockproduktionen, für den das Label Neue Deutsche Welle (NDW) schnell zur Hand war. Zu Zentren dieser Entwicklung wurden Hamburg u. a. mit GEISTERFAHRER und PALAIS SCHAUMBURG, Düsseldorf u. a. mit MITTAGSPAUSE, DEUTSCH-AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT (DAF) und FEHLFARBEN, Hannover u. a. mit ROTZKLOTZ, HANS-A-PLAST und BLITZKRIEG sowie Berlin (West) mit EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, TÖDLICE DOSIS oder DIN-A-TESTBILD. Auch NINA HAGEN (geb. 1955) begann in dieser Zeit, nachdem sie im Umfeld der Biermann-Affäre 1977 die DDR verlassen hatte, in Westberlin ein Karriere, die sie zum internationalen Star werden ließ (u. a. „Unbehagen“, 1979). Mit FOYER dES ARTS, DIE ÄRZTE, BAP, MÜNCHNER FREIHEIT, PURPLE SCHULZ, den DIE TOTEN HOSEN und RIO REISER (Ralph Möbius, 1950-1996)), BLUMFELD, den GOLDENEN ZITZONEN oder TOCOTRONIC blieb das eine wichtige Komponente im Musikgeschehen der Bundesrepublik, die erst durch den Generationswechsel, mit dem sich naturgemäß auch neue Formen des musikalischer Selbstdefinition verbanden, etwas in den Hintergrund geraten ist.
DDR-Rock
In der DDR waren Rockbands als eine politisch hochbrisante Form des kulturellen Selbstausdrucks Jugendlicher mit einer unüberhörbaren musikalischen Anbindung an den Westen einem enormen Anpassungsdruck seitens der staatlichen Kulturbehörden ausgesetzt. Die aufgezwungene Gratwanderung zwischen Authentizität und Anpassung hat dabei nicht nur in den Texten, sondern auch musikalisch tiefe Spuren hinterlassen.
Die Bands wichen dem politisch-ideologischen Druck mit einem Hang zum Metaphorischen in ihren Liedern aus und versuchten das staatliche Diktum von der „Unterhaltungskunst“ durch Einbindung der rockspezifischen Klangmuster in komplexe, dem Art Rock entlehnte und dann weiterentwickelte formale Abläufe zu unterlaufen. ELEKTRA, STERN MEIßEN, KARAT aber auch SILLY, CITY oder PANKOW ist der Spagat einerseits den Erwartungen des jugendlichen Publikums zu entsprechen und andererseits der von der SED gelenkten Kulturbürokratie zumindest soweit entgegenzukommen, dass Produktions- und Auftrittsmöglichkeiten nicht gefährdet wurden, erfolgreich gelungen.
Andere, wie die PUHDYS (Bild 2, Internetverweis 3), haben sich mit einer Musikalität frei von allen ideologischen Ecken und Kanten durch die Verhältnisse hindurch laviert. Da dieses Grundmuster an DDR-spezifischer Erfahrung von einem Großteil der Bewohner im Ostteil des Landes im entsprechenden Alter geteilt wird, haben die erfolgreichsten der einstigen DDR-Rockbands, hier an Popularität bis heute nichts eingebüßt, sondern feiern wie die PUHDYS („Wilder Frieden“, 1999; „Alles hat seine Zeit“, 2004), CITY („Silberstreif am Horizont“, 2004) oder SIILY („Alles Rot“, 2010) spektakuläre Erfolge.
Die jüngere Generation der Musiker und Bands mit Auftrittserfahrungen in der DDR haben sich, sofern sie bei der Musik geblieben sind, in neuen Projekten zusammengefunden, die es vereinzelt, wie THE INCHTABOKATABLES und vor allem RAMMSTEIN („Sehnsucht“, 1994; „Liebe ist für alle da“, 2009), zu beachtlichem internationalem Erfolg brachten. RAMMSTEIN (Internetverweis 5) erhielten sowohl 2005 wie 2010 den World Music Award der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) für jeweils mehr als 10 Mill. verkaufter Tonträger.
Neue Vielfalt
In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich die Rockmusik in Deutschland in eine breite Vielfalt von Stilformen und Spielweisen ausdifferenziert, die allerdings nicht mehr eine ganze Generation, sondern nur noch bestimmte und deutlich kleiner gewordene Hörergruppen anspricht (Internetverweis 6: Deutsche Rockmusik – Infos, Lexikon, Adressen).
Nach wie vor bietet allerdings der leichte Zugang zu dieser von der E-Gitarre dominierten Musikpraxis jungen Leuten eine gern gesuchte Einstiegsmöglichkeit in das aktive Musizieren, was sich in einem vergleichsweise hohen Anteil an nicht- und semiprofessionellen Bands widerspiegelt. In lokalen und regionalen Szenen finden sich so von Punk bis Gothik, von Grunge bis Heavy Metal, von Industrial bis Nu Metal alle Facetten der Rockmusik vertreten und haben hier auch ungebrochen Zulauf, selbst wenn der mediale Fokus seit den 1990er Jahren auf anderen Entwicklungen liegt. Mit Bands wie FURY IN TH SLAUGHTERHOUSE aus Hannover (1997-2008) finden auch aus diesem Umfeld immer wieder Produktionen ihren Weg in die internationale Arena.