Begriffsbestimmung und Entstehung
Der Vaudeville Blues,
der auch "klassischer
Blues" bezeichnet wird, entstand
um 1900 auf den Varieté-Bühnen der amerikanischen Vaudeville-Theater
(Unterhaltungstheater, Vorläufer der Musical-Bühnen). Die volksmusikalische
Tradition des Country Blues wurde hier zu einer komponierten Form der
Bühnenunterhaltung, die auf die Praxis der Theatersongs
zurückging.
Darin lag der Beginn für eine eigenständige Entwicklung des
Blues, aber auch für seine kommerzielle
Verwertung.
Der Vaudeville Blues war die erste Form des Blues, die auf Tonträgern
verbreitet wurde. Der mit der Massenproduktion des Blues zunächst
als Notendruck, später auf Schallplatte, ständig steigende quantitative
Bedarf zog professionelle Texter und Komponisten an, die zu den ursprünglichen
volksmusikalischen Traditionen oft nicht den geringsten Kontakt hatten
und sich stattdessen an formalen Momenten orientierten, die sie für
typisch und charakteristisch hielten. So wurde die dreiteilige
zwölftaktige Bluesform schließlich zu einem verbindlichen
Muster. Als erster gedruckter Blues dieser Art gilt der 1912 veröffentlichte
"Memphis
Blues" von WILLIAM
CHRISTOPHER HANDY (1873-1958), dem "Vater
des Blues" (Bild 1).
Zunächst waren es allerdings hauptsächlich Weiße, die
die Verlage mit Blueskompositionen belieferten, vor allem
Später setzten sich auch farbige Musiker als Autoren durch.
Musikalische Merkmale
Der Vaudeville Blues ist durch eine Reihe von Merkmalen
gekennzeichnet, die durch die Bedingungen der Bühnendarbietung verursacht
sind. Zwar handelte es sich um eine komponierte Form von Musik, aber das
Schwergewicht lag auf der Interpretation, denn dieser Blues wurde für
professionelle Bühneninterpreten, in der Hauptsache Frauen geschrieben.
Damit die Stimme in den Theatersälen wirklich trug, denn technische
Hilfsmittel wie Mikrofon und Verstärkeranlagen kannte man noch nicht,
ist die melodische Gestaltung hier
vor allem auf Tragfähigkeit der Stimme, d. h. auf große
Melodiebögen, angelegt. In der Begleitung
begannen sich entsprechend Klavier bzw. kleine Bands aus dem typischen
Jazzinstrumentarium dieser Zeit (Klavier, Posaune, Trompete, Klarinette)
durchzusetzen. Ein charakteristisches Beispiel für diesen Bluestyp
ist W. C. HANDYs "Empty
Bed Blues" (1931).
Entwicklung
Eingang in die zahlreichen Vaudeville-Theater fand der Blues zunächst
durch herumreisende afroamerikanische Unterhaltungs- und Theaterensembles (Minstrel-Shows). Eine große Rolle für die Verbreitung und Popularisierung des
Blues auf den Bühnen der Vaudeville-Theater spielte dann die 1909 gegründete Theatre Owners and Bookers Association (T.O.B.A.), ein Tournee-Theaterunternehmen für das afroamerikanische Publikum im
Süden der USA, das fast alle Sängerinnen des Vaudeville Blues
durchlaufen haben.
1920 erschien die erste Schallplattenproduktion dieser Musik (MAMIE SMITH,
"Crazy Blues", OKeh Records),
ab 1922 etablierte sich mit diesem Repertoire ein gesonderter Zweig der
Tonträgerproduktion eigens für afroamerikanische Käuferschichten (Race Records). Zu den herausragenden
Interpretinnen dieses Bluestyps, die ihm im nachhinein auch das Attribut
"klassisch" eingebracht haben, gehörte insbesondere "The
Empress of the Blues" (die Kaiserin des Blues) BESSIE
SMITH (1894-1937).
Ein recht abruptes Ende fand diese Entwicklung - von vereinzelten Ausläufern
in den 1930er-Jahren abgesehen - mit dem Zusammenbruch der amerikanischen
Tonträgerindustrie während der Weltwirtschaftskrise 1929-1933. Die meisten der vorwiegend kleineren Firmen, die die Produktion
des Vaudeville Blues in den zwanziger Jahren getragen hatten, mussten Konkurs
anmelden. Danach ging unter dem Einfluss der Marktpolitik der großen
Schallplattenfirmen dieser Bluestyp in eine Form der kommerziellen Unterhaltungsmusik
über.