
Die Anfänge
Als erster DJ in der Geschichte der
Musik gilt der britische Rundfunkmoderator CHRISTOPHER
STONE (1882-1965), der am 7. Juli 1927 aus dem Studio 3
der BBC zum ersten Mal eine Sendung mit dem Abspiel von Platten gestaltete
und damit, vor allem in den USA, rasch Nachahmer fand. Diese Praxis war
alles andere als unumstritten. Da sich das Radio als ein Übertragungsmedium
etabliert hatte, das "wirkliche Musik" in die Wohnzimmer der
Hörer übertrug (also Livemusik
aus dem Studio, aus Konzerthallen, Hotellobbys oder aus eigens für
den Rundfunk geschaffenen Veranstaltungsstätten wie der berühmten,
am 27. Dezember 1932 eröffneten New
Yorker Radio City Music Hall), galt der Einsatz der Tonkonserve
anstelle der Livemusik als Betrug am Hörer. In den USA verlangte
die für das Rundfunkwesen zuständige Bundesbehörde, die
Federal Frequency Commission, bei Strafe
des Lizenzentzuges sogar bis Anfang der 1930er-Jahre hinein, dass der
Einsatz von Platten in Rundfunksendungen durch vollständiges Verlesen
des Plattenlabels kenntlich gemacht werden musste. Genau das wiederum
machte das Radio als Werbemedium für die Tonträgerindustrie
interessant, weil auch der Firmenname angesagt werden musste.
Andererseits wehrten sich die Musikgewerkschaften
schon frühzeitig gegen die Vernichtung ihrer Arbeitsplätze im
Radio durch den Einsatz von Tonkonserven. In den USA kam es 1942 deshalb
sogar zu einem anhaltenden Musikstreik
sowohl gegen die Rundfunkveranstalter als auch gegen die Plattenfirmen.
Das hatte insofern gravierende musikgeschichtliche Folgen, als die entstehende
Lücke mit nichtgewerkschaftlich organisierten Musikern, afroamerikanischen
wie euroamerikanischen Volksmusikern (also mit Rhythm & Blues-Musik
und insbesondere Country Music) ausgefüllt wurde, die ohne diesen
Streik vermutlich kaum eine derartigen Einfluss erhalten hätten.
In sogenannten "Needletime
Agreements" wurden dann noch
bis in die 1950er-Jahre hinein ausgehandelte Quoten festgesetzt, die den
Anteil der Tonkonserve am Musikprogramm begrenzten.
Vom Rundfunkmoderator zum Radio-DJ
Dennoch war der Vormarsch des Diskjockeys - nicht zuletzt aus Kostengründen
- vor allem in dem kommerziell organisierten Rundfunkwesen der USA
unaufhaltsam. 1935 schuf der bei dem Sender WNEW in New angestellte Rundfunkmoderator
MARTIN BLOCK (1895-1967) mit seiner Sendung "Make
Believe Ballroom" einen Prototyp für die Tonträger
basierten Musikprogramme, der aus dem Platten auflegenden Rundfunkmoderator
den Radio-Diskjockey werden
ließ. BLOCK agierte vor dem Mikrofon so, dass die Illusion einer
Live-Übertragung aus einem Ballsaal entstand. Die fiktive Interaktion
mit einem Publikum durch direkte Ansprache des Rundfunkhörers, das
Schaffen einer zur Musik passenden Atmosphäre durch den virtuosen
Umgang mit der eigenen Stimme (rasante Schnellsprechakrobatik, Tempowechsel
der Sprache usw.) und eine entsprechend erfindungsreiche, witzige und
unterhaltsame Ansage im lockeren Plauderton wurde zum Charakteristikum
eines Moderationsstils, der sich bis heute im Radio erhalten hat und zu
einer Personalisierung des Mediums Rundfunk führte.
Zugleich wurde die Musikauswahl zum Markenzeichen der Platten auflegenden
Radiomoderatoren, die damit die Bezeichnung "Diskjockeys"
erhielten, ein Begriff, den 1941 das amerikanische Branchenmagazin "Variety"
aufbrachte. Angesichts der Wirksamkeit des Mediums Rundfunk hatten die
Radio-Diskjockeys schon bald eine Schlüsselstellung in der Musikindustrie
inne, oblag ihnen doch die Programmzusammenstellung und damit die Entscheidung
über die Abspielhäufigkeit einer Platte (Airplay).
Das provozierte verschiedene Formen der Einflussnahme seitens der Plattenfirmen,
unter denen die als Payola (von
Pay Victrola, einem verbreiteten Modell der Musicbox) bekannt gewordene
bestechungsähnliche direkte Bezahlung des Diskjockeys für den
Programmeinsatz eines Titels nicht selten war.
Zu den in diesem Zusammenhang wichtigsten Diskjockeys gehörte zweifellos
ALAN FREED (1921-1965),
dessen bis 1953 von der Station WJW/Cleveland als "Record Rendezvous"
bekannte, dann in "The Moon Dog Rock n Roll House Party"
umbenannte und ab 1954 von der New Yorker Station WINS ausgestrahlte Sendung
den amerikanischen Rock n Roll nicht nur popularisieren, sondern
durch die Art seiner Musikauswahl maßgeblich herausbilden half.
Er geriet 1958 im Zusammenhang mit einer Anti-Rock n Roll-Kampagne
ins Fadenkreuz eines Kongressausschusses, der die Praktiken im US-Rundfunkwesen
unter die Lupe nahm. Das Ergebnis war ein Gesetz (Anti
Bribrary Act, 1960), in dessen
Folge Programmdirektoren eingesetzt
werden mussten, um die Personalunion von Programmgestaltung und Moderation
aufzulösen. Inzwischen geben Computer,
die von darauf spezialisierten Consulting Firmen programmiert werden,
den Radio-DJs die Musikauswahl vor.
Der DJ als Alleinunterhalter
Die Praxis der Radio-DJs wurde auch für die in Diskotheken
(die sich in den 1950er-Jahren etablierten) als Alleinunterhalter agierenden
Diskjockeys (Bild 1) zum Leitbild. Auch hier begannen der persönliche
Stil des Diskjockeys und seine Musikauswahl zum Markenzeichen zu werden
und über Erfolg und Misserfolg einer Veranstaltung zu entscheiden.
Allerdings führte die direkte, statt der nur fiktiven Interaktion
mit dem Publikum zu diversen Versuchen, das bloße Plattenauflegen
zu überwinden und etwa durch eine entsprechend gestaltete Musikdramaturgie
den Ablauf der Veranstaltung sowie die Atmosphäre im Saal zu beeinflussen.
Vor allem in den Ländern der dritten Welt, wo die Diskothek eine
ebenso weitverbreitete wie populäre, weil billige Alternative zu
herkömmlichen Veranstaltungsformen war, entwickelte sich das Plattenauflegen
zu einer Kunst eigener Art.
Eine besondere Rolle für die weitere Entwicklung spielten dabei die
jamaikanischen Diskjockeys im Umfeld des Reggae,
die hier Sound Systems Men
genannt wurden und schon in den 1950er-Jahren begannen, die Platten beim
Auflegen zu manipulieren.
Diese überaus kreative Form des Umgangs mit der Tonkonserve gelangte
mit dem ständigen Strom von Migranten direkt in die USA und wurde
hier zum Auslöser einer Entwicklung, die aus der Diskothek einen
Ort des Musizierens mit dem Plattenspieler werden ließ.
Die in aus der Karibik stammenden, aber in den USA aufgewachsenen DJs
machten die Manipulations- und Mix-Techniken aus ihren Heimatkulturen
zum Bestandteil von Rap und Hip-Hop
in den USA. Sowohl KOOL HERC
wie GRANDMASTER FLASH
arbeiteten mit zwei Plattenspielern und zwei Exemplaren des gleichen Songs,
dem sie durch ein additives Mix-Verfahren eine neue Gestalt gaben. So
wurden die instrumentalen Überleitungen, die Breaks,
mehrfach aneinandergereiht und so auf ein Vielfaches ihrer Länge
zerdehnt, sodass sie die Ursprungssongs schließlich völlig
dominierten, was zur Grundlage eines eigenen, Breakbeat
genannten Hip-Hop-Stils werden sollte.
GRAND WIZARD THEODORE
nimmt für sich in Anspruch, das "Scratchen"
(oder "Scratching"),
die rhythmische Bewegung der Platte unter der aufliegenden Nadel, "erfunden"
zu haben. Auf jeden Fall hat er mit seiner virtuosen Manipulation der
sich auf dem Plattenteller drehenden Platte die Entwicklung der Kunst
des Plattenauflegens maßgeblich geprägt.
Vom DJ zum Turntablist
Der entscheidende Schritt im Prozess der Herausbildung des DJs als eines neuen Musikertypus wurde im Kontext der Chicagoer
House Music getan. Hier etablierte sich Anfang der 1980er-Jahre durch
DJs wie
die Praxis, vorhandene Musikaufnahmen nicht bloß zu modifizieren,
sondern nun als Material für völlig neue Klanggestalten zu benutzen.
War bis dahin die Erkennbarkeit des Originals als Ausgangspunkt für
den Mix ein wichtiger Indikator zur Beurteilung des Kunst des DJs (die
Mixe lebten gerade davon, zu zeigen, wie die benutzten Aufnahmen auch
klingen konnten), so verschwand das Ausgangsmaterial in der Chicagoer
House Music häufig spurlos oder wurde zumindest schwer erkennbar
gemacht. Das Augenmerk lag nun ganz auf der kreativen Kraft der DJs, aus
der Situation des Augenblicks in der Diskothek heraus etwas Neues zu kreieren,
an dessen Schöpfung das tanzende Publikum durch die Art seiner Bewegung
teil hatte. DJing bürgerte
sich als Bezeichnung dafür ein. Im Zentrum stand nun voll und ganz
der Mix, die Herkunft des Materials dafür wurde sekundär. Die
Chicagoer DJs kopierten sich das Material für ihre Mixe - Klangpartikel
unterschiedlichster Herkunft - zu Hause auf Tonband, das sie dann
live zuspielten. Und sie begannen, Maschinen generierte Klangfolgen -
die legendären Sequenzer der analogen Rhythmus- und Basssynthesizer "Roland
TR 909" und "Roland
TB 303" - in ihre Mixe einzubauen.
Als die Digitaltechnik durch Verbilligung der Hardware und Entwicklung
von Softwaresequenzern auch im Amateurbereich zugänglich war, wurde
die Nutzung Maschinen generierter Klangfolgen als Ausgangsmaterial für
die Musikmixturen zum Standard. Zusätzlich erlaubte die digitale
Samplingtechnik, nun jeden beliebigen Klang und jede beliebige Klangfolge
unabhängig von ihrer Herkunft dieser Art des Musizierens einzuverleiben.
Die Detroiter DJs
brachten eine Entwicklung auf den Weg, die als "Detroit
Techno" dann den Status des
Diskjockeys als eines Sound Artisten und damit eigenständigen Künstlertyps
endgültig etablierte.
Charakterstisch für den zum Turntablisten gewordenen Diskjockey (Bild 1) ist die Fähigkeit, Körper
und Maschinen durch seine Kunst des Mixens so miteinander zu verkoppeln,
dass ein neuartiges Klang basiertes Gesamterlebnis entsteht, das sowohl
eine ganz eigene Form des Körpererlebnisses als auch eine ganz eigene
Form des Klangerlebnisses ermöglicht. Die Strategien, derer er sich
dabei bedient, sind - wie etwa die klanghypnotische Wirkung der Wiederholung
- zum Teil uralt und aus anderen kulturellen Kontexten - dem
Ritual etwa - lange bekannt. Neu jedoch ist die Bindung dieser Techniken
an die Eigenlogik von Maschinen, an deren Fähigkeit, endlose Klangfolgen
automatisch zu erzeugen, die im Mix geschichtet, verknüpft, verkettet,
vernetzt oder ineinander geschachtelt werden können. Die Kunst des
DJing bleibt dem Moment und damit dem Erlebnis verpflichtet, ist interaktiv
und braucht den sich bewegenden Körper als Impulsgeber und Auslöser
für die Klangkaskaden, die der DJ den Maschinen entlockt, seien es
der Plattenspieler oder die diversen Sound generierenden Geräte,
mit denen er umgeben ist. Eben deshalb ist die Kunst der Turntablisten
auf Tonträgern auch nicht wirklich zu dokumentieren.
Seit 2002 organisiert die Deutsche Sektion der International
Turntablist Federation jährliche DJ
World Championships, auf denen die Besten aus aller Welt zusammenkommen,
um der Öffentlichkeit ihre Kreativität unter Beweis zu stellen.