

Zum Begriff Zufallsmusik
Als Zufallskompositionen
bezeichnet man Werke, deren Form offen ist,
sodass die musikalische Verwirklichung dem Zufall überlassen bleibt.
Diese Kompositionstechnik entstand Mitte der 1950er-Jahre als eine Gegenreaktion
auf den Rationalismus der seriellen Musik. Statt auf traditionelle Kompositionstechniken
zurückzugreifen, überließen die Komponisten die Entscheidungen
über den Verlauf des Stückes nun dem Zufall, um auch beim Hörer
eine neue Offenheit dem musikalischen Geschehen gegenüber zu erreichen.
Zu den wichtigsten Vertretern
dieser Form des Komponierens gehörten
Eine wichtige Rolle für die Prägung des Begriffs spielte PIERRE
BOULEZ, der 1956 auf den Darmstädter Ferienkursen für
Neue Musik einen mit "Alea"
betitelten bahnbrechenden Vortrag hielt. "Alea" ist das lateinische
Wort für Würfel sowie für Zufall und genauso zufällig
wie ein Würfelspiel sollte nun auch die Musik sein. Daher bezeichnete
man diese Kompositionstechnik auch als Aleatorik.
Allerdings wird dieser Terminus in der Musik nicht einheitlich gebraucht,
weil die Komponisten, die sich solcher Zufallsoperationen bedienten, den
Begriff nicht systematisch gebrauchten.
Das Offenlassen der Form und der kalkulierte Zufall hat freilich nichts
mit unkontrollierter Willkür zu tun hat. Vielmehr sind die Werke
variabel und damit vieldeutig in ihrer musikalischen
Gestalt. Es sind keine in sich geschlossenen Kunstwerke mehr. Der
Komponist gibt als Ausgangssituation allgemeine Spielanweisungen oder
Grafiken vor, die ein Muster für den Verlauf der Interpretation darstellen.
Der Interpret setzt diese dann
individuell und spontan um. So können beispielsweise
Im strengen Sinn aleatorisch wird das Ergebnis demnach erst durch den
Musiker, der das Werk nach seinen Vorstellungen umsetzt, besser gesagt
als Werk erst erschafft. Der Interpret ist hier in neuartiger Weise in
das Komponieren einbezogen, da ihm eine Vielzahl von Entscheidungsmöglichkeiten
eingeräumt werden.
Zufallskompositionen werden als ein universelles
Verfahren begriffen, das auf jede Art von Material angewendet werden
kann. Statt mit dem bekannten Tonsystem zu arbeiten, wird hier u. a. mit
Geräuschen gespielt, um zu neuen ästhetischen Erfahrungen zu
gelangen.
Mitte der 1960er-Jahre wird diese Kompositionstechnik zu einem Kunstmittel,
das sich von seinem kompositionstheoretischen Hintergrund gelöst
hat und vielfältig eingesetzt wird. Zufallskompositionen treten dabei
in sehr verschiedenen Ausprägungen auf. So sind die Kompositionen
von STOCKHAUSEN und BOULEZ in Anlage und Konzept von denen CAGEs zu unterscheiden.
Die europäische Tradition
In Europa entwickelt sich die Zufallskomposition
direkt aus den Denk- und Verfahrensweisen der seriellen Musik und ist
zugleich deren genauer Gegensatz. Protagonisten dieses Stilmittels sind
die ihre Werke bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik
vorstellten und diskutierten. In diesem Umfeld entwickelt sich der Begriff
Aleatorik bzw. aleatorische
Komposition, womit Musik beschrieben
wird, die außerhalb von kompositorischen Vorstellungen liegt. Der
Auftritt von JOHN CAGE 1958 und seine
europäische Erstaufführung des 1957/1958 entstandenen "Concert
for Piano and Orchestra" in Köln waren von großem
Einfluss auf die europäische Entwicklung.
Ein Beispiel ist KARLHEINZ
STOCKHAUSENs (Bild 2) "Klavierstück
XI" (1956). Hier wird dem Interpreten die Abfolge der
verschiedenen genau auskomponierten Teile der Komposition überlassen,
wobei er bei jeder Aufführung eine andere (zufällige) Entscheidung
treffen soll, indem er absichtslos auf den speziell eingerichteten Notentext
blickt. In der Komposition "Momente"
(1961-1964) kann der Interpret an bestimmten Stellen nachträglich
Einschübe einfügen. Aus zufälligen Signalen, die die Spieler
mit Radioempfängern aus dem Kurzwellenband auffangen und dann darauf
reagieren, wird die 1968 entstandene Komposition "Kurzwellen"
im Moment der Aufführung zusammengefügt. Ab 1970 kehrt STOCKHAUSEN
wieder zur vollständig ausgearbeiteten Komposition zurück.
PIERRE BOULEZ (Bild 1)
hingegen nutzt die Konzeption des Zufalls bis in sein spätes Schaffen.
Beispiele seiner Werke sind
Die amerikanische Tradition
In Amerika bildet sich die Zufallskomposition
bereits Anfang der 1950er-Jahre heraus. JOHN
CAGE (Bild 3) ist der wichtigste Komponist und seine Forderung
ist es, dass nun alles zu musikalischem Material werden solle. CAGE studierte
bei HENRY COWELL (1897-1965),
der als Vorläufer dieser Zufallskomposition zu bezeichnen ist. COWELLs
3. Streichquartett "Mosaic"
(1935) überlässt die Reihenfolge der kurzen Sätze dem Belieben
des Interpreten. Diese sogenannte "elastische
Form" greift CAGE auf und
verwendet Zufallsoperationen zuerst zur Erstellung der Orchesterstimmen
seines "Concerto for prepared Piano and Chamber
Orchestra" (1951). Er benutzt dabei eine aus dem
chinesischen Orakelbuch "I Ging (Yi Jing)"
abgeleitete Methode des Münzwurfes.
Die amerikanische Tradition verzichtet bewusst auf den Begriff Aleatorik und verwendet die Ausdrücke
CAGE bezeichnet seine Kompositionen als "experimentelle Musik",
da sie auf absichtslosen Handlungen basieren und Ergebnisse unvorhersehbar
sind; die Klänge ereignen sich sozusagen. Seine Werke bewegen sich
in einem antitheoretischen Raum.
Notation/Grafik
Charakteristisch für Zufallskompositionen ist die grafische
Darstellung. Anstelle einer Notenschrift
gibt es Grafiken, Zeichen und Figuren, die spontan als Musik versinnlicht
werden sollen. Es gibt häufig keine Taktstriche, Unreinheiten auf
dem Papier werden zu Noten und Gedichte werden zu Notentexten. MORTON
FELDMAN (1926-1987) beispielsweise verwendet für seine
Kompositionen zur "Intersection- und Projection-Reihe" Rechtecke
anstelle von Noten. Die Länge der Rechtecke bestimmt die Dauer und
die Tonhöhe ist durch die relative Höhe symbolisiert. Die grafische
Notation ist hier zum Kunstmittel geworden, das frei angewendet werden
kann.