HANS CHRISTIAN OERSTED lebte in einer Zeit, in der die klassische Physik wesentliche Fortschritte erzielte. Gerade im Bereich der Elektrizitätslehre gab es Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts einige wichtige Entdeckungen und Erfindungen, die den Erkenntnisfortschritt entscheidend beeinflussten. So entdeckte der Anatom LUIGI GALVANI (1737-1798) bei Versuchen mit Froschschenkeln die "tierische Elektrizität". ALESSANDRO VOLTA (1745-1827) knüpfte an diese Entdeckung an und entwickelte die ersten elektrochemischen Spannungsquellen - die galvanischen Elemente. JOHANN WILHELM RITTER (1776-1810) konstruierte den ersten Akkumulator.
Ab etwa 1800 begannen Physiker und Chemiker, die Wirkungen von galvanischen Strömen genauer zu untersuchen, insbesondere die Wärmewirkung, die Lichtwirkung und die chemische Wirkung. Frühzeitig wurden auch Vermutungen über den Zusammenhang zwischen Elektrizität und Magnetismus geäußert, u. a. von RITTER und von OERSTED.
Leben und Wirken
HANS CHRISTIAN OERSTED wurde am 14. 8. 1777 in Rudkoebing auf der dänischen
Insel Langeland als Sohn eines Apothekers geboren. Von 1794 bis 1799 studierte
er an der Universität in Kopenhagen vor allem Pharmazie und Naturwissenschaften.
Das für die Aufnahme an die Universität notwendige Wissen hatte
er sich weitgehend selbständig angeeignet.
Nach seinem Studium war OERSTED kurze Zeit lang als Apotheker tätig.
Auf einer Reise nach Deutschland, Holland und Frankreich lernte er den
Stand der naturwissenschaftlichen Forschung kennen. So kam er z. B. in
Jena mit JOHANN WILHELM RITTER in Kontakt, der ein führender Naturwissenschaftler
seiner Zeit war.
Nach der Rückkehr nach Dänemark wurde er 1806 Professor für
Physik an der Universität Kopenhagen. 1824 gründete OERSTED
die dänische Gesellschaft zur Verbreitung der Naturlehre. Er ließ
auch eine Polytechnische Schule errichten und wurde 1829 deren Direktor.
Neben physikalischen Untersuchungen zum Elektromagnetismus
führte OERSTED auch Forschungen zu den Eigenschaften von Flüssigkeiten
und Gasen durch und beschäftigte sich auch mit philosophischen Problemen,
z. B. mit der Frage, ob die Natur auf das Wirken eines Weltgeistes zurückzuführen
sei.
Bis zu seinem Tod am 9. März 1851 war OERSTED wissenschaftlich tätig.
Wissenschaftliche Leistungen
Schon früh beschäftigte sich OERSTED mit elektrischen und magnetischen
Erscheinungen. So veröffentlichte er 1812 eine Arbeit über chemische
und elektrische Kräfte.
Seine bedeutendste Entdeckung machte OERSTED 1820. Sie soll der Legende
nach zufällig erfolgt sein: In einer Vorlesung wollte er vor Studenten
einen Draht zum Glühen bringen. Beim Einschalten des Stromes bemerkte
er bei einem zufällig in der Nähe liegenden Kompass, dass die
Kompassnadel abgelenkt wurde.
Nach Ausschalten des Stromes drehte sich die Kompassnadel in die ursprüngliche
Nord-Süd-Richtung zurück. OERSTED hatte damit die magnetische
Wirkung des elektrischen Stromes entdeckt. Bild 2 zeigt ihn bei einem
Versuch zur Ablenkung einer Magnetnadel in einer zeitgenössischen
Darstellung.
In vielen Experimenten untersuchte OERSTED diesen Zusammenhang genauer
und fand u. a., dass die Richtung des Ausschlages der Kompassnadel von
der Stromrichtung abhängig ist.
Historisch belegt ist, dass OERSTED seit mindestens 1807 nach dem Zusammenhang
zwischen Elektrizität und Magnetismus gesucht hat. Wie kam er auf
die Idee eines Zusammenhanges und warum war er so schwer zu finden? Interessanterweise
kam die Anregung nicht von der Physik, sondern von der Naturphilosophie.
Als Reaktion auf den mechanischen Materialismus des 18. Jahrhunderts kam
es zu einer Romantisierung in Kunst, Literatur und Philosophie. Diese
forderte eine einheitliche Beschreibung der Natur einschließlich
des Menschen. Alle Naturerscheinungen wurden als verschiedenartige Äußerungen
eines einheitlichen Grundprinzips verstanden. OERSTED war ein Anhänger
dieser Auffassung. Obwohl sie ihn zu seinen Untersuchungen anregte, hatte
sie auch Nachteile. Aus OERSTEDs Aufzeichnungen geht nämlich hervor,
dass er annahm, die magnetische Wirkung würde genauso aus dem Leiter
herausströmen wie Licht und Wärme. Das führte ihn zu der
Meinung, der Draht müsse glühen. Er benutzte deshalb bei seinen
Experimenten sehr dünne Drähte, was die benutzbare Stromstärke
begrenzte und die Beobachtung der magnetischen Wirkung des elektrischen
Stromes erschwerte.
Obwohl das Ergebnis seines Versuches mit dem stromdurchflossenen Leiter
und der Magnetnadel sehr einfach und rein qualitativ war, erregte es in
ganz Europa Aufsehen. Später fand es breite technische Anwendung.
Die Möglichkeit, Magnete durch elektrische Ströme zu beeinflussen,
legt die Anwendung in der Telegrafie
nahe. Realisiert wurde diese Form der elektrischen Telegrafie durch CARL
FRIEDRICH GAUSS (1777-1855) und WILHELM WEBER (1804-1891) im Jahr 1838
in Göttingen.
Die Erkenntnis von OERSTED ist auch die Grundlage des Gleichstrommotors.
Unter anderem angeregt durch die Versuche von OERSTED suchte der englische
Physiker MICHAEL FARADAY (1791-1867) seit 1820 nach einer Umkehrung des
Versuches: Verwandlung von Magnetismus in Elektrizität. Damit fand
er 1832 die elektromagnetische
Induktion, eine wichtige Grundlage der gesamten Elektrotechnik.
Später unternahm OERSTED noch Messungen zur Kompressibilität
von Flüssigkeiten und Gasen. Eine nicht mehr gebräuchliche Einheit
der magnetischen Feldstärke wurde nach ihm benannt.