
JULIUS ROBERT OPPENHEIMER
(Bild 1) lebte in einer Zeit, in der sich die Atom- und Kernphysik schnell
entwickelte. Mit der Entdeckung der Kernspaltung
durch OTTO HAHN (1879-1968) und FRITZ STRASSMANN (1902-1980) im Jahr 1938
und den nachfolgenden Forschungen war schon 1939 einem größeren
Kreis von Wissenschaftlern bewusst, dass bei der Kernspaltung Energie frei
wird und diese Energie möglicherweise auch genutzt werden kann.
Die Zeit war auch gekennzeichnet durch scharfe gesellschaftliche Auseinandersetzungen.
In mehreren Ländern (Italien, Deutschland, Spanien) hatten faschistische
Kräfte die Regierung übernommen. Aus diesen und anderen Ländern
waren eine Reihe von Wissenschaftlern in die USA emigriert, u.a. der Deutsche
ALBERT EINSTEIN (1879-1955), der Italiener ENRICO FERMI (1901-1954) und
die Ungarn LEO SZILARD (1898-1964), PAUL WIGNER (1902-1995) und EDUARD TELLER
(*1908). Am 1. September 1939 begann mit dem Überfall Deutschlands
auf Polen der Zweite Weltkrieg. Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Habor
trat im Dezember 1941 auch die USA in den Krieg ein.
Kindheit, Jugend und Ausbildung
JULIUS ROBERT OPPENHEIMER wurde am 2. April 1904 in New York als Sohn
eines reichen jüdischen Geschäftsmannes geboren und wuchs in
einem gutbürgerlichen Elternhaus auf. Nach Beendigung der Schule
begann er zunächst ein Studium in Griechisch und Latein, wechselte
aber schnell an die berühmte Harvard University und studierte dort
von 1922 bis 1925 Physik und Chemie. Anschließend vervollständigte
er seine Ausbildung in Europa, das zu dieser Zeit immer noch führend
im naturwissenschaftlichen Bereich war. Zunächst arbeitete OPPENHEIMER
bei E. RUTHERFORD in Cambridge (England), dann bei MAX BORN in Göttingen,
bei dem er 1927 auch promovierte. Anschließend war OPPENHEIMER bei
P. S. EHRENFEST in Leiden (Niederlande) und bei WOLFGANG PAULI in Zürich
tätig. In seinen frühen wissenschaftlichen Arbeiten befasste
sich OPPENHEIMER mit der Quantenmechanik, insbesondere mit der Struktur
des Atomkerns.
Als Wissenschaftler in den USA
1929 kehrte OPPENHEIMER in die USA zurück und nahm eine Tätigkeit
an der Universität von Kalifornien in Berkeley und am Institute of
Technology in Pasadena auf. Dort unterrichtete und forschte er. 1936 erhielt
er in Berkeley eine ordentliche Professur für Physik, 1941 wurde
er Mitglied der National Academy of Sciences.
1940 heiratete OPPENHEIMER KATHERINE HARRISON und hatte mit ihr zwei Kinder.
Bis in die dreißiger Jahre hinein war OPPENHEIMER politisch wenig
interessiert, kam aber dann mit linken Bewegungen in Verbindung und unterstützte
z.B. den spanischen Freiheitskampf. Aus diesen linken Verbindungen zog
er sich bereits 1939 wieder zurück. Trotzdem sollte das für
ihn später noch weitreichende Konsequenzen haben.
In der wissenschaftlichen Arbeit beschäftigte sich OPPENHEIMER mit
unterschiedlichen wissenschaftlichen Problemen, die aber alle mit der
Kernphysik verbunden waren. So veröffentlichte er 1930 eine Arbeit
über die Wechselwirkungen von Teilchen und Feldern. 1931 veröffentlichte
er gemeinsam mit EHRENFEST eine Arbeit zur Kernstatistik, 1935 eine Arbeit
zur kosmischen Strahlung und die mit ihr verbundenen Effekte (Kaskadentheorie).
1938 entwickelte er eine Theorie der Neutronensterne
(Pulsare), die in den sechziger Jahren von Astronomen dann tatsächlich
entdeckt wurden. Nach der Entdeckung der Kernspaltung beschäftigte
sich OPPENHEIMER mit theoretischen Problemen der Isotopentrennung
beim Uran. Von A. H. COMPTON aufgefordert, gründete er eine Gruppe
von Physikern, die die theoretischen Probleme zur Entwicklung einer Atombombe
bearbeitete.
Vater der amerikanischen Atombombe
1942 wurde OPPENHEIMER mit der wissenschaftlichen Leitung des amerikanischen
Atombombenprojektes
betraut, das unter dem Namen "Manhattan
District" lief.
Die Vorgeschichte zur Entwicklung der amerikanischen Atombombe
weist Ähnlichkeiten mit der Entwicklung in der Sowjetunion auf, die
unter der wissenschaftlichen Leitung von KURTSCHATOW später als die
USA mit der Entwicklung von Kernwaffen begann.
Es waren vor allem aus Europa emigrierte Wissenschaftler, die die amerikanische Regierung darauf aufmerksam machten, dass die Kernspaltung zur Herstellung einer Bombe genutzt werden könnte. Hintergrund dafür war vor allem die Befürchtung, dass Deutschland eine solche fürchterliche Waffe entwickeln und einsetzen könnte. Zu den Physikern, die amerikanische Regierungsstellen auf diese Gefahr aufmerksam machten, gehörten vor allem ALBERT EINSTEIN (1879-1955), LEO SZILARD (1898-1964), PAUL WIGNER (1902-1995) und EDUARD TELLER (*1908). EINSTEIN wandte sich auf Anregung von SZILARD, WIGNER und TELLER im August 1939 direkt an den amerikanischen Präsidenten und machte ihn auf die Möglichkeit des Baus einer Atombombe aufmerksam. Bild 3 zeigt den Brief EINSTEINs an ROOSEVELT. Der Brief hatte allerdings keine erkennbaren Wirkungen. Deshalb wandte sich EINSTEIN am 7. März 1940 mit einem zweiten Schreiben an den amerikanischen Präsidenten, in dem es u.a. heißt:
" Seit Ausbruch des Krieges hat sich das Interesse an Uran in Deutschland verstärkt. Ich habe jetzt erfahren, daß die Forschung dort unter großer Geheimhaltung betrieben wird und auf ein weiteres der Kaiser-Wilhelm-Institute, das Institut für Physik, ausgedehnt worden ist. Letzteres ist von der Regierung und einer Gruppe von Physikern unter der Leitung von C. F. von Weizsäcker übernommen worden, der jetzt dort über Uran im Zusammenwirken mit dem Institut für Chemie arbeitet..."
Nachdem längere Zeit keine Entscheidung getroffen wurde, legte ein extra geschaffenes Sonderkomitee der Regierung am 6. November 1941 ein Memorandum vor, in dem der personelle und materielle Aufwand für eine Atombombe abgeschätzt und ihr Bau befürwortet wurde. Der Beginn des Atombombenprojektes wurde vom amerikanischen Präsidenten ROOSEVELT gebilligt. Anfang Dezember 1941 begannen die Arbeiten. Den eigentlichen Wendepunkt aber brachte der 7. Dezember 1941: Japan überfiel ohne Vorwarnung den amerikanischen Stützpunkt Pearl Habor. Die USA traten in den Krieg ein.
1942 begann man in den USA intensiv an der Bombe zu arbeiten. Das gesamte Projekt gelangte unter die Kontrolle der Militärs. Die Aufwendungen waren enorm: Zahlreiche Wissenschaftler wurden zusammengefasst. Großbritannien stellte seine Forschungen zur Kernumwandlungen weitgehend ein und schickte seine Wissenschaftler in die USA. Einbezogen waren auch solche bekannten Forscher wie ENRICO FERMI oder NIELS BOHR, die zeitweise als Berater wirkten. Am 2. Dezember 1942 wurde in einem Versuchsreaktor, der unter der Leitung von FERMI unter der Westtribüne des Universitätsstadions von Chicago aufgebaut war, die erste gesteuerte Kettenreaktion realisiert. Im September 1943 ging der erste Reaktor zur Produktion von Plutonium in Betrieb. In Hanford und Oak Ridge entstanden gewaltige Anlagen zur Isotopentrennung.
Der dritte, entscheidende Ort war Los
Alamos, ein Ort in fast 2500 m Höhe, fünfzig Kilometer von
Santa Fe entfernt im Bundesstaat New Mexico. Hier arbeitete unter Leitung
von OPPENHEIMER ein Team von Wissenschaftlern an allen wissenschaftlichen
Problemen, die unmittelbar mit dem Bau der Bombe zusammenhingen
Am 16. 7. 1945 wurde die erste Atombombe der Welt in der Wüste von
New Mexico gezündet, am 6. und 9. August 1945 erfolgte der erste
Einsatz über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki
mit zehntausenden Toten und gewaltigen Zerstörungen. Die Spätfolgen
der Atombombenabwürfe über diesen Städten zeigen sich heute
noch.
Weitere wissenschaftliche Tätigkeit
Ende 1945 verließ OPPENHEIMER Los Alamos und war von 1947 bis 1966
Direktor des Instituts for Advanced Study in Princeton, einer Einrichtung,
an der auch ALBERT EINSTEIN bis zu seinem Tode 1955 wirkte. Als Mitglied
der US-amerikanischen Atomenergie-Behörde setzte er sich für
die friedliche Nutzung der Kernenergie ein. Und als er sich gar gegen
die Entwicklung einer Wasserstoffbombe aussprach, wurde gegen ihn eine
Untersuchung wegen "unamerikanischer Tätigkeit" eingeleitet.
Dabei wurde ihm auch sein Kontakt zu linken Gruppierungen in den dreißiger
Jahren vorgeworfen. Die wissenschaftliche Leitung beim Bau der amerikanischen
Wasserstoffbombe übernahm EDUARD (EDWARD) TELLER.
Im Ergebnis des Verfahrens gegen OPPENHEIMER wurde er im April 1954 aller
öffentlichen Funktionen enthoben. Trotzdem beschäftigte er sich
weiter mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Kernenergie und veröffentlichte
z.B. 1957 das Werk "Atomkraft und menschliche Freiheit". Erst
1962 wurde OPPENHEIMER bis zu gewissen Grade rehabilitiert und erhielt
u.a. 1963 den FERMI-Preis der Atomenergie-Behörde.
In den sechziger Jahren widmete er sich neben der Elementarteilchenphysik
(Mesonentheorie) vor allem Problemen des Verhältnisses von Wissenschaft
und Gesellschaft und nahm dabei eine pazifistische Haltung ein.
JULIUS ROBERT OPPENHEIMER starb am 18. Februar 1967 in Princeton.