
WILLIAM THOMSON,
der spätere LORD KELVIN, lebte in einer Zeit, in der die klassische
Physik große Fortschritte erzielte und sich die Großindustrie
zu entwickeln begann. Wissenschaftler wie OERSTED, AMPÈRE und FARADAY
hatten die Grundlagen der Elektrizitätslehre erforscht. Mitte des 19.
Jahrhunderts wurde von JOULE, MAYER und HELMHOLTZ der Energieerhaltungssatz
formuliert. BOYLE und GAY-LUSSAC hatten wichtige Gasgesetze gefunden. WATT
entwickelte die Dampfmaschine, SIEMENS entdeckte mit dem dynamoelektrischen
Prinzip die Grundlage für die Konstruktion von Generatoren. Das gesellschaftliche
Leben war dadurch gekennzeichnet, dass sich in Europa immer stärker
Nationalstaaten herausbildeten. So wurde z. B. 1871 das Deutsche Reich gegründet.
In dieser Zeit der stürmischen Entwicklung von Wissenschaft und Industrie
leistete WILLIAM THOMSON wichtige Beiträge zur Entwicklung der Thermodynamik
und zur Untersuchung der elektromagnetischen Schwingungen und Wellen.
Leben und Wirken
WILLIAM THOMSON wurde am 26. Juni 1824 als Sohn eines Mathematiklehrers
und späteren Mathematikprofessors in Belfast (Irland) geboren. Als
er 6 Jahre alt war, starb seine Mutter. Sein Vater unterrichtete seine
Söhne selbst und erreichte, dass sie im Alter von noch nicht einmal
10 Jahren Vorlesungen an der Universität folgen konnten. Zu Hause
bauten die Kinder Experimentiergeräte nach.
Mit 10 Jahren wurde WILLIAM THOMSON an der Universität in Glasgow immatrikuliert und absolvierte dann von 1841 bis 1845 ein Studium am College in Cambridge. Trotz des intensiven Studiums war er auch ein erfolgreicher Ruderer und musizierte gern. Schon in dieser Zeit verfasste er erste Artikel, z. B. "Über die Gestalt der Erde". Darüber hinaus beschäftigte er sich mit elektrischen und magnetischen Feldern.
1846 vervollständigte er seine Kenntnisse in Paris und übernahm
1846 mit 22 Jahren den Lehrstuhl für Physik an der Universität
in Glasgow, den er bis 1895 innehatte.
In Glasgow richtete er einen Weinkeller als Physiklabor ein. Das war eines
der ersten Physiklabors der Welt. Außerdem gründete er gemeinsam
mit einem Mechaniker eine Fabrik für wissenschaftlich-technische
Geräte. Teilweise beschäftigte er sich in den folgenden Jahren
mit physikalischer Grundlagenforschung, teilweise mit der technischen
Nutzung physikalischer Erkenntnisse.
Etwa ab 1845 war einer seiner Arbeitsschwerpunkte die Thermodynamik und insbesondere der Zusammenhang zwischen Temperatur und Wärme. 1848 entwickelte er eine Temperaturskala, die von der tiefstmöglichen Temperatur ausging. Sie wird als Kelvin-Skala oder auch als absolute Temperaturskala bezeichnet. Unabhängig von ROBERT CLAUSIUS formulierte er den zweiten Hauptsatz der Wärmelehre.
1856 wurde THOMSON Direktor des Atlantikkabelunternehmens, das sich zum Ziel gesetzt hatte, ein Fernmeldekabel zwischen Europa und Amerika durch den Atlantik hindurch zu installieren. Die letzte von vier Kabelverlegungen, die zwischen 1858 und 1866 erfolgten, war erfolgreich.
THOMSON beschäftigte sich auch intensiv mit elektromagnetischen
Schwingungen. Nach 1870 erzielte er keine allerdings keine bedeutenden
wissenschaftlichen Entdeckungen mehr. Für seine Lebensleistung wurde
er 1892 geadelt und nannte sich seitdem LORD KELVIN OF LARGS. Den Namen
KELVIN wählte er nach einem kleinen Fluss, der durch seinen Wohnort
Largs in Schottland fließt.
LORD KELVIN starb am 17. 12. 1907 in Netherhall (Largs bei Glasgow). Sein
Grab befindet sich in der Londoner Westminster Abbey neben dem Grab von
ISAAC NEWTON.
Wissenschaftliche Leistungen
Die Tätigkeit von WILLIAM THOMSON umfasst sowohl Grundlagenforschung
in verschiedenen Teilgebieten der Physik als auch Anwendungsforschung
für die sich schnell entwickelnde Industrie.
Ein erstes großes Arbeitsgebiet war die Grundlagenforschung in der
Wärmelehre (Thermodynamik). Um
1848 entwickelte er eine Temperaturskala, die als Fixpunkt die tiefstmögliche
Temperatur aufweist. Aus theoretischen Überlegungen schlussfolgerte
THOMSON, dass diese Temperatur -273,15 °C betragen müsse. Sie
wird als absoluter Nullpunkt, die davon
ausgehende Temperaturskala als absolute Temperaturskala
und die betreffende Temperatur als absolute
Temperatur bezeichnet. Zu Ehren von LORD KELVIN wird die absolute
Temperatur heute in der Einheit Kelvin (Abkürzung: K, nicht Grad
Kelvin) angegeben. Da THOMSON die Gradeinteilung von der Celsius-Skala
übernahm, ergeben sich besonders einfache Beziehungen zwischen diesen
beiden Temperaturskalen (Bild 2). Es gilt:
|
-273 °C
|
= 0 K |
|
0 °C
|
= 273 K |
|
100 °C
|
= 373 K |
Allgemein gilt für den Zusammenhang zwischen der Celsius-Skala und der Kelvin-Skala die Beziehung:

Um 1850 formulierte THOMSON unabhängig von CLAUSIUS
den 2. Hauptsatz der Wärmelehre. Beide dehnten ihn auf das Universum
aus.
Gemeinsam mit seinem Freund JAMES PRESCOTT JOULE (1818-1889) beschäftigte
er sich mit Wärmekraftmaschinen
und deren Arbeitsvermögen. Dazu führte er in einer wissenschaftlichen
Arbeit aus:
Bei den Maschinen der Praxis, in denen wir mithilfe
der Wärme mechanische Arbeit gewinnen wollen, haben wir die Quelle
der Kraft nicht in der Absorption oder Umwandlung der Wärme zu suchen,
sondern nur im Überströmen der Wärme... die Umwandlung
der Wärme in Arbeit ist nach aller Wahrscheinlichkeit unmöglich,
zumindest bisher noch nicht entdeckt worden.
(Fußnote): Diese Ansicht wird im wesentlichen
einheitlich von allen vertreten, die bisher über das Thema geschrieben
haben. Es gibt jedoch auch eine gegenteilige Meinung: die des Herrn Joule
aus Manchester. Dieser hat mit magnetoelektrischen Maschinen Versuche
durchgeführt, die wie es scheint - darauf schließen lassen,
daß sich mechanische Arbeit tatsächlich in Wärme umgewandelt
hat. (Aus: W. Thomson, Über eine allgemeine Tendenz in der
Natur zur Dissipation mechanischer Energie, Edinburgh 1852)
Nach 1850 beschäftigte sich THOMSON auch intensiver mit elektromagnetischen Schwingungen. 1853 entwickelte er eine Theorie elektromagnetischer Schwingungen und fand eine Gleichung zur Berechnung der Schwingungsdauer einer elektromagnetischen Schwingung in einem Schwingkreis. Sie wird heute als thomsonsche Schwingungsgleichung bezeichnet. Im Zusammenhang mit diesen Arbeiten kam er mit der sich schnell entwickelnden Telegrafenindustrie in Verbindung. 1851 war das erste Seekabel zwischen dem englischen Dover und dem französischen Calais verlegt worden. Nun war ein Kabel durch den Atlantik geplant. Als einer der Direktoren des 1856 gegründeten Atlantikkabelunternehmens beaufsichtigte er nicht nur Kabelverlegungen, sondern machte auch zahlreiche Vorschläge für technische Verbesserungen. Dazu zählten die Verwendung von reinerem Kupfer für die Kabel, die ständige Funktionsprüfung während der Verlegung durch ein von ihm konstruiertes Messgerät und die Entwicklung eines sehr empfindlichen Telegrafen für den Dauerbetrieb. Nach drei erfolglosen Versuchen konnte erst mit einem 1866 unter Leitung von THOMSON verlegten Kabels ein ständiger Telegrafenverkehr über den Atlantik hinweg realisiert werden. Die Telegrafengesellschaft erzielte dabei einen erheblichen Gewinn: 25 Wörter kosteten etwa 100 englische Pfund.
Die Grundeinstellung von THOMSON zum Verhältnis von Theorie und Praxis spiegelt sich in folgenden Worten wieder:
"Das Leben und die Seele der Wissenschaft ist
ihre praktische Anwendung"
In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte sich LORD KELVIN mit
unterschiedlichen wissenschaftlichen Problemen, konnte aber keine größeren
wissenschaftlichen Erfolge mehr erzielen. Unter anderem entwickelte er
ein einfaches Atommodell. Zugleich
blieb er aber in Auffassungen verhaftet, die von der wissenschaftlichen
Entwicklung des beginnenden 20. Jahrhunderts als überholt erkannt
wurden. Dazu gehörten die Auffassungen von der Existenz eines "Wärmestoffes"
oder die von der Existenz eines "Lichtäthers".