
ROLF SIEVERT lebte in einer Zeit, in der neue Arten von Strahlung entdeckt und mögliche Anwendungen erforscht wurden. 1895 hatte der deutsche Physiker WILHELM CONRAD RÖNTGEN (1845-1923) die nach ihm benannten Röntgenstrahlen entdeckt, die bald auch im medizinischen Bereich genutzt wurden. Der Franzose HENRI BECQUEREL (1852-1908), die in Frankreich lebende Polin MARIE CURIE (1867-1934) und ihr Ehemann PIERRE CURIE (1859-1908) entdeckten und erforschten ab Ende des 19. Jahrhunderts die radioaktive Strahlung. Mit diesen beiden Arten von Strahlungen und ihren Wirkungen beschäftigte sich auch R. SIEVERT.
Herkunft, Jugend und Ausbildung
Die Vorfahren von R. SIEVERT kommen aus Deutschland. Sein aus Quedlinburg
stammender Großvater betrieb in Zittau eine Konditorei. Sein Vater
gründete 1881 in Stockholm einen Großhandel für deutsche
Werkzeugmaschinen und später eine Fabrik zur Herstellung von Kabeln,
nach denen wegen des Ausbaus des Telefonnetzes große Nachfrage bestand.
ROLF MAXIMILIAN SIEVERT, meist verkürzt ROLF SIEVERT genannt, wurde
am 6. Mai 1896 in Stockholm geboren. Seine schulischen Leistungen waren
nicht sonderlich gut, das Abitur bestand er nur mit Mühe. Viel lieber
als in der Schule hielt er sich auf der Segeljacht seines Vaters auf.
Als einziger Sohn sollte R. SIEVERT die väterliche Fabrik übernehmen,
daran hatte er aber offensichtlich kein Interesse.
Materiell gut versorgt, begann er vielmehr nach dem Abitur verschiedene
Studien. Ein Medizinstudium am Karolinischen Institut in Stockholm brach
er bald wieder ab. Auch ein Studium der Elektrotechnik an der Technischen
Hochschule in Stockholm dauerte nur wenige Monate. Schließlich begann
er an der Universität in Uppsala zu studieren und wählte dort
u.a. die Fächer Mathematik, Astronomie und Meteorologie. 1919 schloss
er sein Studium in Uppsala erfolgreich ab und setzte seine Ausbildung
an der Technischen Hochschule in Stockholm fort, wobei er sich auf die
Physik konzentrierte. In seiner Diplomarbeit untersuchte R. SIEVERT die
Intensität der Strahlung eines Radiumpräparats. Damit kam er
erstmals mit dem Gebiet in enge Berührung, das sein künftiges
wissenschaftliches Leben bestimmen sollte.
Arbeitsschwerpunkt: Röntgenstrahlen
1920 machte R. SIEVERT eine Studienreise in die USA. Hier hörte er
von neuen Methoden zur Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen
durch verschiedene Arten von Strahlung. Nach seiner Rückkehr nach
Stockholm bot ihm 1921 der Direktor einer Stockholmer Krebsklinik an,
physikalische Methoden zur Messung der Intensität von Röntgenstrahlung
bei medizinischen Apparaturen zu entwickeln. Hintergrund war die inzwischen
gewonnene Erkenntnis, dass eine zu geringe Strahlendosis
keine ausreichende Wirkung auf Krebszellen hat, eine zu große Strahlendosis
aber erhebliche Schäden anrichten kann. Letzteres hatten Tausende
von Ärzten, Schwestern und Patienten mit dem Leben bezahlt.
SIEVERT untersuchte als Assistent an der Klinik Möglichkeiten zur
Messung der Intensität von Röntgenstrahlen. Ergebnis der zweijährigen
Arbeiten war eine "Kondensatorkammer",
der Vorläufer eines Dosimeters: Zwei Platten wurde so aufgeladen,
dass zwischen ihnen eine Spannung von ca. 150 V bestand. Traf Röntgenstrahlung
auf die Anordnung, so verringerte sich wegen des Ionisationsvermögens
der Strahlung allmählich die Spannung zwischen den Platten. Der Spannungsabfall
war ein Maß für die Intensität der Strahlendosis.
Später entwickelte SIEVERT Möglichkeiten zum Schutz vor zu hohen
Strahlenbelastungen und traf auch Festlegungen zu der Dosis, mit der Patienten
bestrahlt werden durften.
Sein Hauptwerk: Strahlenschutz für
alle
Der Wirkungskreis von R. SIEVERT ging bald weit über die Stockholmer
Strahlenklinik hinaus. 1925 wurde auf dem Ersten Internationalen Radiologen-Kongress
in London die "International Commission on Radiation Units and Measurement"
(ICRU) gegründet. Einer der Gründungsmitglieder war R. SIEVERT.
In Schweden wurde er landesweit als Berater für Röntgenstrahlung
und Strahlenschutz tätig. Das erste schwedische Strahlenschutzgesetz,
das 1941 in Kraft trat, wurde maßgeblich mit von ihm gestaltet.
SIEVERT wurde zum Direktor der Radiophysikalischen Abteilung am Karolinischen
Institut in Stockholm berufen, wurde Professor für Strahlenphysik
und Mitglied der Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Während
des Zweiten Weltkrieges übernahm er die Planung und Einrichtung eines
physikalischen Forschungsinstituts für nationale Verteidigung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg widmete sich SIEVERT verstärkt der radioaktiven Strahlung. Die zahlreichen Kernwaffenversuche in den fünfziger Jahren waren mit erheblichen radioaktiven Belastungen verbunden. SIEVERT plante und organisierte systematische Freilandmessungen des radioaktiven Fallouts in allen Landesteilen Schwedens. Er beeinflusste auch als Mitglied der wissenschaftlichen Kommission der UNO zu Belangen des Strahlenschutzes entscheidend die internationale Zusammenarbeit bei der Festlegung der Grenzwerte. 1959/60 war er Vorsitzender dieser internationalen Kommission.
Neben seiner umfangreichen wissenschaftlichen Tätigkeit widmete SIEVERT auch seinem Privatleben und seinen Hobbys große Aufmerksamkeit. Aus zwei Ehen hatte SIEVERT sieben eigene Kinder, darüber hinaus noch ein finnisches Adoptivkind. Er beschäftigte sich intensiv mit Orgelmusik und Kakteenzucht, konstruierte und baute für sein Landgut ein eigenes kleines Kraftwerk, ergänzte bei seinen vielen Auslandsreisen ständig seine umfangreiche Schmetterlingssammlung.
Am 1. Dezember 1966 musste sich M. SIEVERT einer Magenoperation unterziehen.
Zwei Tage später starb er an einer Embolie. Ihm zu Ehren wurde die
Einheit für die physikalische Größe Äquivalentdosis,
die die biologische Wirkung radioaktiver Strahlung beschreibt, Sievert
(Kurzzeichen: Sv) genannt.