Die
Äthertheorie in der Geschichte
Die newtonsche Mechanik war geprägt von der Vorstellung des absoluten
Raumes, den man auch versuchte, in irgendeiner Form zu vergegenständlichen.
Dazu wurde angenommen, dass dieser Raum lückenlos von einem Stoff außerordentlich
geringer Dichte gefüllt sei, den die Naturwissenschaftler als Äther
oder Lichtäther bezeichneten
und der in diesem absoluten Raum ruhen sollte.
Vertreter dieser Äthertheorie
waren vor allem CHRISTIAAN HUYGENS (1629-1695) und ROBERT HOOKE (1635-1703).
Von ISAAC NEWTON (1643-1727) gibt es dazu widersprüchliche Äußerungen.
Letztendlich setzte sich aber zunächst seine Korpuskulartheorie
des Lichtes durch und war bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts die allein
herrschende Vorstellung. Mit der Entwicklung der Wellentheorie
des Lichtes durch THOMAS YOUNG (1773-1829) und AUGUSTIN JEAN FRESNEL
(1788-1827) gingen Bemühungen zur Entwicklung einer Physik des Äthers
einher, von der man erwartete, dass sie eine Erklärung der Erscheinungen
bei Licht ermöglichte. Diese Äthertheorie wurde in den darauffolgenden
Jahren ausgebaut und entwickelte sich zu der dominierenden Vorstellung,
mit der man sowohl die Ausbreitung als auch die Eigenschaften von Licht
und später von anderen elektromagnetischen Wellen erklären konnte.
Nach dieser Vorstellung würde sich auch die Erde in einem ruhenden
Äther bewegen, und zwar mit einer Geschwindigkeit von etwa 30 km/s
(Bild 1). Das ist die Umlaufgeschwindigkeit der Erde um die Sonne.
Zusammenfassend ergibt sich:
Der Äther ist ein Stoff geringster Dichte,
der in dem uns umgebenden absoluten Raum ruht und in dem sich Körper
reibungsfrei bewegen können. In ihm breiten sich Lichtwellen und andere
elektromagnetische Wellen ähnlich wie Schallwellen in der Luft aus.
Elektrische und magnetische Felder sind besondere Zustände dieses Äthers.
Nach einer von FRESNEL im Jahre 1818 formulierten Hypothese sollte dieser Äther von bewegten Körpern, die er durchdringt, teilweise mitgeführt werden. FIZEAU führte im Jahre 1851 einen Versuch durch, bei dem er nachweisen konnte, dass es einen Unterschied in der Lichtgeschwindigkeit in strömendem Wasser mit der Strömungsrichtung und entgegen dieser Strömungsrichtung gab. Das sprach für die Äthertheorie.
Die Versuche von MICHELSON und MORLEY
Der amerikanische Physiker ALBERT ABRAHAM MICHELSON (1852-1931) führte
ab 1881 in Berlin und Potsdam Versuche durch, die die Existenz eines Äthers
beweisen sollten. Er setzte diese Untersuchungen ab 1886 mit seinem amerikanischen
Kollegen MORLEY in den USA fort. Die Anlage der Versuche ist unter dem
Stichwort "MICHELSON-MORLEY-Experiment"
ausführlich beschrieben. Mit den Versuchen konnte die Existenz eines
Äthers nicht nachgewiesen werden.
Trotz der negativen Ergebnisse der Experimente von MICHELSON und MORLEY
versuchte man die Ätherhypothese zu retten. So ergänzte z.B.
HEINRICH HERTZ (1857-1894) seine Grundgleichungen der Elektrodynamik in
ruhenden Körpern durch solche in bewegten Körpern. HENDRIK A.
LORENTZ (1853-1928) formulierte in Anlehnung an einen Gedanken von FITZGERALD
auf der Grundlage seiner Elektronentheorie eine Elektrodynamik
bewegter Körper. LORENTZ ging davon aus, dass die Länge
eines Körpers von seiner Geschwindigkeit gegenüber dem Äther
abhängt. 1895 entwickelte er eine Gleichung für die sogenannte
LORENTZ-Kontraktion:
Ein mit der Geschwindigkeit v gegenüber dem Äther bewegter Körper
soll sich in Bewegungsrichtung um den Faktor
verkürzen.
Damit konnte auch das Ergebnis der Experimente von MICHELSON und MORLEY
erklärt werden.
EINSTEINs spezielle Relativitätstheorie
ALBERT EINSTEIN (1879-1955) formulierte 1905 seine grundlegenden Postulate
zur speziellen Relativitätstheorie.
Er drehte dabei den Gedankengang von LORENTZ um: Das Postulat der Konstanz
der Lichtgeschwindigkeit im leeren Raum, das bei LORENTZ als Folgerung
erschien, stellte EINSTEIN an den Anfang seiner Überlegungen. Mit
der Gleichberechtigung aller Inertialsysteme war die Vorstellung eines
materiellen Äthers als Träger eines mit dem absoluten Raum verbundenen
bevorzugten Koordinatensystems unvereinbar. Längenkontraktion, Zeitdilatation
oder die Abhängigkeit der Masse von der Geschwindigkeit konnten im
Rahmen dieser neuen Theorie widerspruchsfrei und ohne Annahme eines Äthers
erklärt werden.
Mit dem Wegfall eines Äthers wurde auch die Deutung von MAXWELL,
dass das elektromagnetische Feld ein besonderer Zustand im Äther
sei, hinfällig. Das elektromagnetische Feld erhielt vielmehr den
Charakter einer objektiven physikalischen Realität, die von allem
Stofflichen unabhängig ist.
Moderne Versuche, die gegen einen
Äther sprechen
Es hat im 20. Jahrhundert eine Vielzahl von Versuchen gegeben, die Existenz
eines Äthers zu belegen oder zu widerlegen.
Einer dieser Versuche beruht auf Atomuhren,
die weltweit synchronisiert werden müssen. Wir betrachten dazu eine
Atomuhr in Deutschland und eine in den USA. Die Entfernung dieser Uhren
beträgt etwa 9000 km. Wir gehen weiterhin davon aus, dass sich die
Erde mit etwa 30 km/s in einem ruhenden Äther bewegen möge.
Damit würde ein Ätherwind der genannten Geschwindigkeit entgegen
der Bewegungsrichtung der Erde wirken. Dann müsste ein Funksignal
von Deutschland in die USA am Tag langsamer laufen als in der Nacht, denn
am Tag würde sich das Licht entgegen dem Ätherwind und nachts
mit dem Ätherwind bewegen. Bei den angegebenen Zahlen würden
sich folgende Laufzeiten ergeben:

Der Effekt unterschiedlicher Laufzeiten wurde nie festgestellt. Auch das
spricht gegen die Existenz eines Äthers.
Aussagen zum Äther in alten Physiklehrbüchern
Wie fast alle neuen Erkenntnisse setzte sich auch die Auffassung, dass
es keinen Äther gibt, nur langsam durch. So heißt es z.B. in
einem Physiklehrbuch für die Oberstufe von 1914:
"Heinrich Hertz (1857-1894) entdeckte 1888, dass jede oszillierende Entladung den ganzen umgebenden Ätherraum in elektromagnetische Schwingungen versetzt (ähnlich wie eine Stimmgabel die umgebende Luft)."
Und an anderer Stelle heißt es:
"Der Äther ist nur transversaler Schwingungen
fähig. Diese breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit (300000 km/sec)
aus. Licht- und Ätherwellen sind wesensgleich und nur durch die Wellenlänge
verschieden".
(aus Kleiber/Nath: Physik für die Oberstufe, Berlin und München
1914)
In einem "Grundriss der Physik" für die Oberstufe und für Fachschulen von 1929 heißt es:
"Mit der Materie befassen sich die Mechanik,
die Wärmelehre und die Akustik. Zur Physik des Äthers gehören
die Erscheinungen der Wärmestrahlung, der Optik und der Elektrizität.
Indem der Äther als feiner Stoff angenommen wird, der alle Materie
und den leeren Raum durchdringt und durch Koppelung seiner Teilchen die
elektrischen und magnetischen Kräfte überträgt, ist es
möglich, die Gesetze der gesamten Physik als Nahwirkungsgesetze theoretisch
darzustellen, d.h. in einer Form, wie sie die Mechanik bietet, in der
die Wechselwirkung der Körper durch unmittelbare Berührung erfolgt.
Wir haben bisher noch nicht von dem Bewegungszustand des Äthers gesprochen.
Wir haben aber bei der Bestimmung der Lichtgeschwindigkeit nach Römer
ganz stillschweigend angenommen, der Äther ruhe, ebenso stillschweigend
aber auch bei der irdischen Bestimmung vorausgesetzt, der Äther bewege
sich mit der Erde fort. Die Übereinstimmung der Ergebnisse kann darüber
nicht hinwegtäuschen, daß hier ein grundsätzlicher Unterschied
der Auffassung vorliegt, dessen Auswirkung vielleicht nur nicht groß
genug ist, um bemerkt zu werden. Denn würde man z.B. die Geschwindigkeit
des Schalles messen, der sich längs einer Eisenbahnlinie ausbreitet,
so würde man sie außerhalb des fahrenden Zuges anders beurteilen
als im Zug. Die Frage: "Bewegt sich der Äther oder ruht er?"
ist daher für die Einheitlichkeit und Sicherheit des physikalisch-wissenschaftlichen
Systems von größtem Belange".
(aus: Grundriss der Physik von Karl Hahn, B. G. Teubner, Leipzig und Berlin)
Bis heute findet man Publikationen, vor allem im Internet, die die Existenz eines Äthers behaupten. Die moderne Physik geht allerdings davon aus, dass es einen solchen Äther nicht gibt.