

Die Auszüge sind einem Nachdruck entnommen (Bild 2), der 1969 als
Gemeinschaftsausgabe der Verlage
Akademie-Verlag Berlin
Pergamon Press Oxford
Vieweg & Sohn Braunschweig
erschienen ist. Formuliert ist das Büchlein im Stil der Zeit. Die
Sprache wirkt heute manchmal etwas antiquiert.
Vorwort
Das vorliegenden Büchlein soll solchen eine möglichst exakte
Einsicht in die Relativitätstheorie
vermitteln, die sich vom allgemein wissenschaftlichen, philosophischen
Standpunkt für die Theorie interessieren, ohne den mathematischen
Apparat der theoretischen Physik zu beherrschen. Die Lektüre setzt
etwa Maturitätsbildung (= Abiturbildung - der Verf.) und - trotz
der Kürze des Büchleins -ziemlich viel Geduld und Willenskraft
beim Leser voraus. Der Verfasser hat sich die größte Mühe
gegeben, die Hauptgedanken
möglichst deutlich und einfach vorzubringen, im ganzen in solcher
Reihenfolge und in solchem Zusammenhange, wie sie tatsächlich entstanden
sind. Im Interesse der Deutlichkeit schien es mir unvermeidlich, mich
oft zu wiederholen, ohne auf die Eleganz der Darstellung die geringste
Rücksicht zu nehmen; ich hielt mich gewissenhaft an die Vorschrift
des genialen Theoretikers L. BOLTZMANN,
man solle die Eleganz Sache der Schneider und Schuster sein lassen. Schwierigkeiten,
die in der Sache begründet liegen, glaube ich dem Leser nicht vorenthalten
zu haben. Dagegen habe ich die empirischen physikalischen Unterlagen der
Theorie absichtlich stiefmütterlich behandelt, damit es dem der Physik
ferner stehenden Leser nicht ergehe wie dem Wanderer, der vor lauter Bäumen
keinen Wald sieht. Möge das Büchlein manchem einige frohe Stunden
der Anregung bringen!
Dezember 1916 A.
EINSTEIN
ZWEITER TEIL
Hinweis: Auszüge aus dem ersten Teil zur speziellen Relativitätstheorie sind unter dem Stichwort "Spezielle Relativitätstheorie im Original" zu finden.
Über die allgemeine Relativitätstheorie
§ 18. Spezielles und allgemeines Relativitätsprinzip
Die Grundthese, um welche sich alle bisherigen Ausführungen
drehen, war das spezielle Relativitätsprinzip,
d.h. das Prinzip von der physikalischen Realität aller gleichförmigen
Bewegungen. Analysieren wir noch einmal genau seinen Inhalt!
Daß jegliche Bewegung ihrem Begriff nach nur als relative Bewegung
gedacht werden muß, war zu allen Zeiten einleuchtend. Bei unserem
viel benutzten Beispiel vom Bahndamm und vom Eisenbahnwagen kann die Tatsache
der hier stattfindenden Bewegung mit gleichem Rechte in den beiden Formen
ausgesprochen werden:
a) der Wagen bewegt sich relativ zum Bahndamm,
b) der Bahndamm bewegt sich relativ zum Wagen.
Im Falle a) dient bei dieser Ausage der Bahndamm, im Falle b) der Wagen
als Bezugskörper. Bei der bloßen Feststellung bzw. Beschreibung
der Bewegung ist es prinzipiell gleichgültig, auf was für einen
Bezugskörper man die Bewegung bezieht. Dies ist, wie gesagt, selbstverständlich
und darf nicht mit der viel weitergehenden Aussage verwechselt werden,
welche wir "Relativitätsprinzip" genannt und unseren Untersuchungen
zugrunde gelegt haben.
Das von uns benutzte Prinzip behauptet nicht nur,
daß man für die Beschreibung jeglichen Geschehens ebensowohl
den Wagen wie den Bahndamm als Bezugskörper wählen könne
(denn auch dies ist selbstverständlich). Unser Prinzip behauptet
vielmehr: Formuliert man die allgemeinen Naturgesetze, wie sie sich aus
der Erfahrung ergeben, indem man sich
a) des Bahndamms als Bezugskörper bedient,
b) des Wagens als Bezugskörper bedient,
so lauten diese allgemeinen Naturgesetze (z.B. die Gesetze der Mechanik
oder das Gesetz der Lichtausbreitung im Vakuum) genau gleich in beiden
Fällen. Man kann das auch so ausdrücken: Für die physikalische
Beschreibung der Naturvorgänge ist keiner der Bezugskörper K,
K' vor dem anderen ausgezeichnet....
Wir haben nun aber bisher keineswegs die Gleichwertigkeit aller Bezugskörper K mit Bezug auf die Formulierung der Naturgesetze behauptet.... Außer K sollten aber auch alle diejenigen Bezugskörper K' in diesem Sinne bevorzugt und mit K für die Formulierung der Naturgesetze genau gleichwertig sein, welche relativ zu K eine geradlinig gleichförmige, rotationsfreie Bewegung ausführen: alle diese Bezugskörper werden als GALILEIsche Bezugskörper angesehen. Nur für diese Bezugskörper wurde die Gültigkeit des Relativitätsprinzips angenommen, für andere (anders bewegte) nicht. In diesem Sinne sprechen wir vom speziellen Relativitätsprinzip bzw. spezieller Relativitätstheorie.
Im Gegensatz hierzu wollen wir unter "allgemeinem Relativitätsprinzip" die Behauptung verstehen: Alle Bezugskörper K, K' usw. sind für die Naturbeschreibung (Formulierung der allgemeinen Naturgesetze) gleichwertig, was auch deren Bewegungszustand sein mag. Es sei aber gleich bemerkt, daß diese Formulierung durch eine abstraktere ersetzt werden muß aus Gründen, die erst später zutage treten werden.
Nachdem sich die Einführung des speziellen Relativitätsprinzips bewährt hat, muß es jedem nach Verallgemeinerung strebenden Geiste verlockend erscheinen, den Schritt zum allgemeinen Relativitätsprinzip zu wagen. Aber eine einfache, scheinbar ganz zuverlässige Betrachtung läßt einen solchen Versuch zunächst aussichtslos erscheinen. Der Leser denke sich in den schon so oft betrachteten, gleichförmig fahrenden Eisenbahnwagen versetzt. Solange der Wagen gleichförmig fährt, ist für den Insassen nichts vom Fahren des Wagens zu merken. Daher kommt es auch, daß der Insasse den Tatbestand ohne inneres Widerstreben dahin deuten kann, daß der Wagen ruhe, der Bahndamm aber bewegt sei. Diese Interpretation ist übrigens nach dem speziellen Relativitätsprinzip auch physikalisch ganz berechtigt.
Wird nun aber die Bewegung des Wagens etwa dadurch in eine ungleichförmige
verwandelt, daß der Wagen kräftig gebremst wird, so erhält
der Insasse einen entsprechend kräftigen Ruck nach vorne. Die beschleunigte
Bewegung des Wagens äußert sich in dem mechanischen Verhalten
der Körper relativ zu ihm; das mechanische Verhalten ist ein anderes
als im vorhin betrachteten Falle, und es erscheint deshalb ausgeschlossen
zu sein, daß relativ zum ungleichförmig bewegten Wagen die
gleichen mechanischen Gesetze gelten, wie relativ zum ruhenden bzw. gleichförmig
bewegten Wagen. Jedenfalls ist klar, daß relativ zum ungleichförmig
bewegten Wagen der GALILEIsche Grundsatz nicht gilt.
Wir fühlen uns daher zunächst genötigt, entgegen dem allgemeinen
Relativitätsprinzip der ungleichförmigen Bewegung eine Art absolute
physikalische Realität zuzusprechen. Im folgenden werden wir aber
bald sehen, daß dieser Schluß nicht stichhaltig ist.
§ 19. Das Gravitationsfeld
Auf die Frage " Warum fällt ein Stein, den
wir emporheben und darauf loslassen, zur Erde?" antwortet man gewöhnlich:
"Weil er von der Erde angezogen wird." Die moderne Physik formuliert
die Antwort etwas anders aus folgendem Grunde. Durch genaueres Studium
der elektromagnetischen Erscheinungen ist man zu der Auffassung gekommen,
daß es eine unvermittelte Wirkung in die Ferne nicht gebe. Zieht
z.B. ein Magnet ein Stück Eisen an, so darf man sich nicht mit der
Auffassung zufriedengeben, daß der Magnet durch den leeren Zwischenraum
hindurch auf das Eisen direkt einwirke, sondern man stellt sich nach FARADAY
vor, daß der Magnet in dem ihn umgebenden Raume etwas physikalisch
Reales stets hervorrufe, was man als "magnetisches Feld" bezeichnet.
Dies magnetische Feld wirkt seinerseits wieder auf das Eisenstück
ein, so daß es sich zum Magneten zu bewegen strebt. Die Berechtigung
dieses an sich willkürlichen Zwischenbegriffes wollen wir hier nicht
erörtern. Es sei nur bemerkt, daß man mit seiner Hilfe die
elektromagnetischen Erscheinungen , insbesondere die Ausbreitung der elektromagnetischen
Wellen, viel befriedigender theoretisch darstellen kann als ohne denselben.
Analog faßt man auch die Wirkung der Gravitation auf....
Das Gravitationsfeld weist im Gegensatz zum elektrischen und magnetischen
Felde eine höchst merkwürdige Eigenschaft auf, welche für
das Folgende von fundamentaler Bedeutung ist. Körper, die sich unter
ausschließlicher Wirkung des Schwerefeldes bewegen, erfahren eine
Beschleunigung, welche weder vom Material noch vom
physikalischen Zustande des Körpers im geringsten abhängt.
Ein Stück Blei und ein Stück Holz fallen beispielsweise im Schwerefelde
(im luftleeren Raume) genau gleich, wenn man sie ohne bzw. mit gleicher
Anfangsgeschwindigkeit fallen läßt. Man kann dies äußerst
genau gültige Gesetz auch noch anders formulieren auf Grund folgender
Erwägung.
Nach NEWTONs Bewegungsgesetz ist
(Kraft) = (träge Masse) x (Beschleunigung),
wobei die "träge Masse" eine charakteristische Konstante des beschleunigten Körpers ist. Ist nun die beschleunigende Kraft die Schwere, so ist andererseits
(Kraft) = (schwere Masse) x (Intensität des Schwerefeldes),
wobei die "schwere Masse" ebenfalls eine für den Körper
charakteristische Konstante ist. Aus beiden Relationen folgt:
Soll nun, wie die Erfahrung ergibt, bei gegebenem Schwerefelde die Beschleunigung
unabhängig von der Natur und dem Zustande des Körpers stets
dieselbe sein, so muß das Verhältnis der schweren zur trägen
Masse ebenfalls für alle Körper gleich sein. Man kann also dies
Verhältnis durch passende Wahl der Einheiten zu 1 machen; dann gilt
der Satz: Die schwere und die träge
Masse eines Körpers sind einander gleich.
Die bisherige Mechanik hat diesen wichtigen Satz zwar registriert,
aber nicht interpretiert. Eine befriedigende
Interpretation kann nur so zustande kommen, daß man einsieht: Dieselbe
Qualität des Körpers äußert sich je nach Umständen
als "Trägheit" oder als "Schwere". Inwiefern
dies tatsächlich der Fall ist, und wie diese Frage mit dem allgemeinen
Relativitätspostulat zusammenhängt, wird im nächsten Paragraphen
dargelegt.
§ 20. Die Gleichheit
der trägen und schweren Masse als Argument für das allgemeine
Relativitätspostulat
Wir denken uns ein geräumiges Stück leeren Weltraumes, so weit
weg von Sternen und erheblichen Massen, daß wir mit hinreichender
Genauigkeit den Fall vor uns haben, der im GALILEIschen Grundgesetz vorgesehen
ist. Es ist dann möglich, für diesen Teil Welt einen GALILEIschen
Bezugskörper zu wählen, relativ zu welchem ruhende Punkte ruhend
bleiben, bewegte dauernd in geradlinig gleichförmiger Bewegung verharren.
Als Bezugskörper denken wir uns einen geräumigen Kasten von
der Gestalt eines Zimmers; darin befinde sich ein mit Apparaten ausgestatteter
Beobachter. Für diesen gibt es natürlich keine Schwere. Er muß
sich mit Schnüren am Boden befestigen, wenn er nicht beim leisesten
Stoß gegen den Boden langsam gegen die Decke des Zimmers entschweben
will.
In der Mitte der Kastendecke sei außen ein Haken mit Seil befestigt und an diesem fange nun ein Wesen von uns gleichgültiger Art mit konstanter Kraft zu ziehen an. Dann beginnt der Kasten samt dem Beobachter in gleichförmig beschleunigtem Fluge nach "oben" zu fliegen. Seine Geschwindigkeit wird im Lauf der Zeit ins Phantastische zunehmen - falls wir all dies beurteilen von einem anderen Bezugskörper aus, an dem nicht mit einem Stricke gezogen wird.
Wie aber beurteilt der Mann im Kasten den Vorgang?
Die Beschleunigung des Kastens wird vom Boden desselben durch Gegendruck
auf ihn übertragen. Er muß also diesen Druck mittels seiner
Beine aufnehmen, wenn er nicht seiner ganzen Länge nach den Boden
berühren will. Er steht dann im Kasten genau wie einer in einem Zimmer
eines Hauses auf unserer Erde steht. Läßt er einen Körper
los, den er vorher in der Hand hatte, so wird auf diesen die Beschleunigung
des Kastens nicht mehr übertragen; der Körper wird sich daher
in beschleunigter Relativbewegung dem Boden des Kastens nähern. Der
Beobachter wird sich ferner überzeugen, daß die Beschleunigung
des Körpers gegen den Boden immer gleich groß ist, mit was
für einen Körper er auch den Versuch ausführen mag.
Der Mann im Kasten wird also, gestützt auf seine Kenntnisse vom Schwerefelde,
wie wir sie im letzten Paragraphen besprochen, zu dem Ergebnis kommen,
daß er samt dem Kasten sich in einem ziemlich konstanten Schwerefelde
befinde. Er wird allerdings einen Augenblick verwundert sein darüber,
daß der Kasten in diesem Schwerefelde nicht falle. Da entdeckt er
aber den Haken in der Mitte der Decke und das an demselben befestigte
gespannte Seil, und er kommt folgerichtig zu dem Ergebnis, daß der
Kasten in dem Schwerefelde ruhend aufgehängt sei.
Dürfen wir über den Mann lächeln und sagen, er befinde sich mit seiner Auffassung im Irrtum? Ich glaube, wir dürfen das nicht, wenn wir konsequent bleiben wollen, sondern wir müssen zugeben, daß seine Auffassungsweise weder gegen die Vernunft noch gegen die bekannten mechanische Gesetze verstößt. Wir können den Kasten, wenn er auch gegen den zuerst betrachteten "GALILEIschen Raum" beschleunigt ist, dennoch als ruhend ansehen. Wir haben also guten Grund, das Relativitätsprinzip auszudehnen auf relativ zueinander beschleunigte Bezugskörper und haben so ein kräftiges Argument für ein verallgemeinertes Relativitätspostulat gewonnen.
Man beachte wohl, daß die Möglichkeit dieser Auffassungsweise auf der fundamentalen Eigenschaft des Schwerefeldes beruht, allen Körpern dieselbe Beschleunigung zu erteilen, oder, was dasselbe bedeutet, auf dem Satz von der Gleichheit der trägen und schweren Masse. Würde dies Naturgesetz nicht bestehen, so würde der Mann im beschleunigten Kasten das Verhalten der Körper seiner Umgebung nicht durch die Voraussetzung eines Gravitationsfeldes deuten können, und er wäre aufgrund keiner Erfahrung berechtigt, seinen Bezugskörper als "ruhenden" vorauszusetzen.
Der Mann im Kasten befestige an der Innenseite der Kastendecke ein Seil
und an dessen freiem Ende einen Körper. Durch diesen wird bewirkt
werden, daß das Seil in gespanntem Zustande "vertikal"
herabhängt. Wir fragen nach der Ursache der Spannung des Seiles.
Der Mann im Kasten wird sagen: "Der aufgehängte Körper
erfährt im Schwerefeld eine Kraft nach unten, welcher durch die Seilspannung
das Gleichgewicht gehalten wird; maßgebend für die Größe
der Seilspannung ist die schwere Masse des
aufgehängten Körpers."
Andererseits wird aber ein Beurteiler, der frei im Raume schwebt, den
Zustand so beurteilen: "Das Seil ist gezwungen, die beschleunigte
Bewegung des Kastens mitzumachen und überträgt diese auf den
daran befestigten Körper. Die Seilspannung ist so groß, daß
sie die Beschleunigung des letzteren gerade zu bewirken vermag. Maßgebend
für die Größe der Spannung im Seile ist die träge
Masse des Körpers."
Wir sehen aus diesem Beispiele, daß unsere Erweiterung des Relativitätsprinzips
den Satz von der Gleichheit der trägen und schweren Masse als notwendig
erscheinen läßt. Damit ist eine physikalische Interpretation
dieses Satzes gewonnen.
Aus der Betrachtung des beschleunigten Kastens sieht man, daß eine
allgemeine Relativitätstheorie wichtige Ergebnisse über die
Gesetze der Gravitation liefern muß. ...
§ 22. Einige Schlüsse
aus dem allgemeinen Relativitätsprinzip
Die Betrachtungen des § 20 zeigen, daß das allgemeine Relativitätsprinzip
uns in der Stand setzt, auf rein theoretischem Wege Eigenschaften des
Gravitationsfeldes abzuleiten. Es sei nämlich der raumzeitliche Vorgang
irgendeines Naturvorganges bekannt, so wie er sich im GALILEIschen Gebiet
relativ zu einem GALILEIschen Bezugskörper abspielt. Dann kann man
durch rein theoretische Operationen ... finden, wie sich dieser bekannte
Naturvorgang von einem relativ zu K beschleunigten Bezugskörper K'
aus ausnimmt. Da aber relativ zu diesem neuen Bezugskörper K' ein
Gravitationsfeld existiert, so erfährt man bei der Betrachtung, wie
das Gravitationsfeld den studierten Vorgang beinflußt. So erfahren
wir beispielsweise, daß ein Körper, der gegenüber K eine
geradlinig gleichförmige Bewegung ausführt..., gegenüber
dem beschleunigten Bezugskörper K' (Kasten) eine beschleunigte, im
allgemeinen krummlinige Bewegung ausführt. Diese Beschleunigung bzw.
Krümmung entspricht dem Einfluß des relativ zu K' herrschenden
Gravitationsfeldes auf den bewegten Körper. Daß das Gravitationsfeld
auf diese Weise die Bewegung der Körper beeinflußt, ist bekannt,
so daß die Überlegung nichts prinzipiell Neues liefert.
Ein neues Ergebnis von fundamentaler Wichtigkeit erhält man aber, wenn man die entsprechende Überlegung für einen Lichtstrahl durchführt. Gegenüber dem GALILEIschen Bezugskörper K pflanzt sich dieser in gerader Linie mit der Geschwindigkeit c fort. In Bezug auf den beschleunigten Kasten (Bezugskörper K') ist, wie leicht abzuleiten ist, die Bahn desselben Lichtstrahles keine Gerade mehr. Hieraus ist zu schließen, daß sich Lichtstrahlen in Gravitationsfeldern im allgemeinen krummlinig fortpflanzen.
Dies Ergebnis ist in zweifacher Hinsicht von großer Wichtigkeit.
Erstens nämlich kann dasselbe mit der Wirklichkeit verglichen werden.
Wenn eine eingehende Überlegung auch ergibt, daß die Krümmung
der Lichtstrahlen, welche die allgemeine Relativitätstheorie liefert,
für die uns in der Erfahrung zur Verfügung stehenden Gravitationsfelder
nur äußerst gering ist, so soll sie für Lichtstrahlen,
die in der Nähe der Sonne vorbeigehen, doch 1,7 Bogensekunden betragen.
Dies müßte sich dadurch äußern, daß die in
der Nähe der Sonne erscheinenden Fixsterne, welche bei totalen Sonnenfinsternisssen
der Beobachtung zugänglich sind, um diesen Betrag von der Sonne weggerückt
erscheinen müssen gegenüber der Lage, die sie für uns am
Himmel annehmen, wenn die Sonne an einer anderen Stellen am Himmel steht.
Die Prüfung des Zutreffens oder Nichtzutreffens dieser Konsequenz
ist eine Aufgabe von höchster Wichtigkeit, deren baldige Lösung
wir von den Astronomen erhoffen dürfen.
(Hinweis: Durch englische Forscher wurde die Existenz der von der Theorie
geforderten Lichtablenkung bei der Sonnenfinsternis vom 30. 5. 1919 festgestellt.)
Zweitens aber zeigt diese Konsequenz, daß nach der allgemeinen Relativitätstheorie das schon oft erwähnte Gesetz von der Konstanz der Vakuumlichtgeschwindigkeit, das eine der beiden grundlegenden Annahmen der speziellen Relativitätstheorie bildet, keine unbegrenzte Gültigkeit beanspruchen kann. Eine Krümmung der Lichtstrahlen kann nämlich nur dann eintreten, wenn die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichtes mit dem Ort variiert. Man könnte nun denken, daß durch diese Konsequenz die spezielle Relativitätstheorie, und mit ihr die Relativitätstheorie überhaupt, zu Fall gebracht würde. Dies trifft aber in Wahrheit nicht zu. Es läßt sich nur schließen, daß die spezielle Relativitätstheorie kein unbegrenztes Gültigkeitsgebiet beanspruchen kann; ihre Ergebnisse gelten nur insoweit, als man von den Einflüssen der Gravitationsfelder auf die Erscheinungen (z.B. des Lichtes) absehen kann.
§ 29. Die Lösung
des Gravitationsproblems auf Grund des allgemeinen Relativitätsprinzips
... Die so aus dem allgemeinen Relativitätspostulat abgeleitete
Gravitationstheorie zeichnet sich nicht nur durch ihre Schönheit
aus, sie beseitigt nicht nur den ... Mangel, welcher der klassischen Mechanik
anhaftet, sie interpretiert nicht nur das Erfahrungsgesetz von der Gleichheit
der trägen und schweren Masse, sondern sie hat auch schon zwei wesensverschiedene
Beobachtungsergebnisse der Astronomie erklärt, denen gegenüber
die klassische Mechanik versagt. Das zweite dieser Ergebnisse, nämlich
die Krümmung der Lichtstrahlen durch das Graviationsfeld der Sonne,
haben wir schon erwähnt; das erste betrifft die Bahn des Planeten
Merkur.
Spezialisiert man nämlich die Gleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie
auf den Fall, daß die Gravitationsfelder als schwach angesehen werden,
und daß alle Massen sich mit Geschwindigkeiten gegen das Koordinatensystem
bewegen, welche gegen die Lichtgeschwindigkeit klein sind, so erhält
man zunächst die NEWTONsche Theorie als erste Näherung; letztere
ergibt sich also hier ohne besondere Annahme, während
NEWTON die dem Quadrat der Distanz aufeinander wirkender Massenpunkte
indirekt proportionale Anziehungskraft als Hypothese einführen mußte.
Vergrößert man die Genauigkeit der Rechnung, so treten Abweichungen
von der NEWTONschen Theorie auf, die sich allerdings wegen ihrer Kleinheit
fast alle noch der Beobachtung entziehen müssen.
Eine dieser Abweichungen müssen wir hier speziell ins Auge fassen.
Nach der NEWTONschen Theorie bewegt sich ein Planet um die Sonne in einer
Ellipse, welche gegenüber den Fixsternen ihre Lage ewig beibehalten
würde, wenn von der Einwirkung der anderen Planeten auf den betrachteten
Planeten und von der Eigenbewegung der Fixsterne abgesehen werden könnte.
Abgesehen von diesen beiden Einflüssen sollte die Bahn des Planeten
eine gegen die Fixsterne feste Ellipse sein, wenn NEWTONS Theorie genau
richtig ist. Bei allen Planeten, bis auf den der Sonne nächsten Planeten
Merkur, hat sich diese mit eminenter Genauigkeit prüfbare Konsequenz
mit der Genauigkeit bestätigt, welche die heute erreichbare Beobachtungsschärfe
zu erzielen gestattet. Vom Planeten Merkur aber wissen wir seit LEVERRIER,
daß die Ellipse seiner im obigen Sinn korrigierten Bahn gegenüber
den Fixsternen nicht fest steht, sondern, wenn auch ungeheuer langsam,
in der Ebene der Bahn im Sinne der Umlaufbewegung rotiert. Für diese
Rotationsbewegung der Bahnellipse ergab sich ein Betrag von 43 Bogen-Sekunden
pro Jahrhundert, welcher Betrag bis auf wenige Bogen-Sekunden sichergestellt
ist. Die Erklärung dieser Erscheinung nach der klassischen Mechanik
gelingt nur unter Zugrundelegung von ausschließlich ihrethalben
ersonnenen, wenig wahrscheinlichen Hypothesen.
Nach der allgemeinen Relativitätstheorie ergibt sich, daß jede
Planetenellipse um die Sonne in der oben angegebenen Weise notwendig rotieren
muß, daß diese Rotation bei allen Planeten außer Merkur
zu klein ist, um bei der heute erzielbaren Beobachtungsgenauigkeit festgestellt
zu werden, daß sie aber bei Merkur 434 Bogen-Sekunden pro Jahrhundert
betragen muß, genau wie es die Beobachtung ergeben hatte.
Außerdem hat aus der Theorie bisher nur noch eine Konsequenz gezogen
werden können, die einer Prüfung durch die Beobachtung zugänglich
ist, nämlich eine Spektralverschiebung des von großen Sternen
zu uns gesandten Lichtes gegenüber dem auf der Erde in entsprechender
Weise (d. h. durch dieselben Molekülart) erzeugten Lichtes. Ich zweifle
nicht daran, daß auch diese Konsequenz der Theorie bald ihre Bestätigung
finden wird.