





Radionuklide werden in verschiedenen Bereichen der Technik und der Medizin eingesetzt. Bei aller Vielfalt der Nutzungsmöglichkeiten lassen sich die meisten Anwendungen auf drei grundlegende Verfahren zurückführen: das Bestrahlungsverfahren, das Durchstrahlungsverfahren und das Markierungsverfahren.
Das Bestrahlungsverfahren
Beim Bestrahlungsverfahren
(Bild 1) wird die Eigenschaft radioaktiver Strahlung genutzt, in Stoffen
chemische, biologische oder physikalische Veränderungen hervorzurufen,
insbesondere auch Zellen zu beeinflussen. Nachfolgende sind einige Beispiele
genannt.
Verbesserung der Lagerfähigkeit von Lebensmitteln: Zwiebeln, Kartoffeln und andere Lebensmittel müssen zum Teil über einen längeren Zeitraum mit möglichst wenig Qualitätsverlusten gelagert werden. Solche Qualitätsverluste treten vor allem durch Keimung auf. Führt man eine Bestrahlung mit radioaktiver Strahlung durch, so werden die besonders empfindlichen Keimzellen so beeinflusst, dass kaum Keimung auftritt und damit die Lagerfähigkeit wesentlich verbessert wird. Die bestrahlten Stoffe werden zwar beeinflusst, werden aber selbst nicht radioaktiv. Nachteilige Folgen der Nutzung des Verfahrens für den Verbraucher sind nicht bekannt.
Strahlentherapie: Radioaktive Strahlung kann genutzt werden, um Zellen nicht nur zu schädigen, sondern sie auch zu zerstören. Man spricht allgemein von Strahlentherapie (Bild 2). Sie wird u.a. zur Bekämpfung von Tumoren genutzt. Es erfolgt eine intensive Bestrahlung der Tumorzellen, wobei durch Bündelung der Strahlung und durch Bestrahlung aus unterschiedlichen Richtungen das umliegende Gewebe geschont wird. Da in den ersten Jahren der Nutzung dieses Verfahrens meist mit Cobalt-60 als Strahler gearbeitet wurde, nannte man die entsprechenden Geräte Kobaltkanonen. Um Tumorzellen zu zerstören, wird mit einer relativ hohen Strahlendosis gearbeitet. Die Energiedosis beträgt bei der Strahlentherapie zwischen 40 Gy und 70 Gy.
Nutzung in der
Technik: Radioaktive Strahlung beeinflusst nicht nur die Zellen
von Menschen, Tieren und Pflanzen, sondern auch von Werkstoffen. Das kann
genutzt werden, um die Eigenschaften von Werkstoffen gezielt zu beeinflussen.
So lässt sich z. B. die Reißfestigkeit dünner Folien aus
Hochpolymeren (Polystyrol, Polyethylen) durch Bestrahlung mit radioaktiver
Strahlung deutlich verbessern. Bei Halbleitern können durch Bestrahlung
gezielt die elektrischen Eigenschaften verändern werden.
Das Durchstrahlungsverfahren
Beim Durchstrahlungsverfahren
(Bild 3) wird die Durchdringungsfähigkeit
radioaktiver Strahlung von Stoffen und ihr Absorptionsvermögen
in Stoffen genutzt. Damit kann man Werkstoffprüfungen durchführen,
die Dichte, Konzentration oder Dicke von Stoffen messen oder Füllstandsmessungen
realisieren.
Prüfung von
Werkstoffen: Bei massiven Werkstücken (Trägern, Behältern,
Lagerungen für Brücken) kann man mögliche Fehler oder Mängel
von außen meist nicht erkennen. Die Werkstoffprüfung
kann aber mithilfe radioaktiver Strahlung erfolgen. Bild 3 zeigt das Prinzip
des Verfahrens. Das betreffende Werkstück wird durchstrahlt. Die
hindurchtretende radioaktive Strahlung wird mit einem Strahlungsmessgerät
erfasst oder mithilfe eines Films registriert. Ist ein Fehler in dem Werkstück
vorhanden, so erfolgt dort eine andere Absorption radioaktiver Strahlung
als bei den benachbarten Bereichen. Damit wird an der betreffenden Stelle
eine andere Intensität der hindurchtretenden Strahlung registriert.
Mit diesem Verfahren kann man nicht nur erfassen, ob in einem Werkstück
Einschlüsse oder Luftblasen vorhanden sind, sondern
z. B. auch die Qualität von Schweißnähten prüfen.
Dicken- und Füllstandsmessungen: Bei der Herstellung von Folien aus Kunststoff oder von Papier muss ständig geprüft werden, ob diese Folien oder das Papier die gewünschte Dicke haben. Solche kontinuierlichen Dickenmessungen können mithilfe radioaktiver Strahlung durchgeführt werden (Bild 4). Dazu wird eine Strahlungsquelle mit einem langlebigen Radionuklid oberhalb der Folienbahn angebracht. Unterhalb befindet sich ein Empfänger, der die durch die Folien hindurchtretende Strahlung ständig registriert. Bei einer bestimmten Schichtdicke hat die hindurchtretende Strahlung einen bestimmten Wert. Ändert sich die Schichtdicke, so wird mehr oder weniger radioaktive Strahlung als vorher registriert. Über einen Regelungsmechanismus wird dann die Materialzufuhr so verändert, dass wieder die gewünschte Schichtdicke erreicht wird.
Füllstandsmessung in Behältern wird ebenfalls das Absorptionsvermögen radioaktiver Strahlung genutzt. Das Prinzip ist aus Bild 5 erkennbar. Bei einem geringen Füllstand (Bild 5a) gelangt die Strahlung direkt zum Empfänger. Vergrößert sich der Füllstand, so muss die radioaktive Strahlung auch durch die Flüssigkeit hindurchtreten (Bild 5b) und wird dort teilweise absorbiert. Die Intensität der beim Empfänger ankommenden radioaktiven Strahlung ist wesentlichen geringer. Durch Anbringen mehrerer Strahlungsquellen und Empfänger lässt sich der Füllstand in unterschiedlichen Höhen feststellen.
Messungen der Dichte
und der Konzentration von Stoffen: Das Durchstrahlungsverfahren
kann man auch zur Dichtemessung
und zur Konzentrationsmessung
nutzen. Chemische Stoffe werden häufig durch Rohrleitungen transportiert.
Bringt man an einer solchen Rohrleitung auf der einen Seite eine Strahlungsquelle
und auf der anderen Seite einen Strahlungsempfänger an, so wird vom
Empfänger bei einer bestimmten Dichte des Stoffes eine bestimmte
Intensität der hindurchtretenden Strahlung registriert. Ändert
sich die Dichte des Stoffes, so ändert sich auch sein Absorptionsvermögen.
Es kommt mehr oder weniger Strahlung beim Empfänger an. Die Intensität
der hindurchtretenden Strahlung ist somit ein Maß für die Dichte
des Stoffes, der durch die Rohrleitung strömt.
In ähnlicher Weise können auch Konzentrationsmessungen durchgeführt
werden.
Beim Markierungsverfahren
(Bild 6) werden Radionuklide dazu genutzt, um die Anreicherung oder den
Weg von Stoffen im menschlichen Körper, bei Tieren und Pflanzen,
in Rohrleitungen, in Maschinen und Anlagen oder im Erdboden zu verfolgen.
Das Grundprinzip des Verfahrens besteht darin, dass an einer geeigneten
Stelle ein Radionuklid eingebracht wird und die Anreicherung dieses Radionuklids
an bestimmten Stellen oder sein Weg verfolgt wird. Die Registrierung erfolgt
mithilfe von Strahlungsmessgeräten, die die räumliche Verteilung
des Radionuklids erfassen, indem sie die von dem Radionuklid ausgehende
radioaktive Strahlung messen. Das Verfahren wurde 1913 zum ersten Male
von den Radiochemikern G. HEVESY und F. PANETH angewendet und wird heute
in vielen Bereichen der Technik und der Medizin genutzt.
Untersuchung der
Schilddrüse: Das Markierungsverfahren wird u. a. verwendet,
um beim Menschen die Schilddrüse
auf krankhafte Veränderungen zu untersuchen (Bild 7). Dabei wird
die Eigenschaft der Schilddrüse genutzt, dass sich in ihr Iod bevorzugt
anreichert. Aus der Konzentration in einzelnen Teilen lassen sich Rückschlüsse
auf die Organfunktion ziehen. Bei der Untersuchung wird zunächst
radioaktives Iod gespritzt. Dieses radioaktive Iod reichert sich sehr
schnell in der Schilddrüse an und gibt radioaktive Strahlung ab.
Mit einem speziellen Zähler zur punktförmigen Aufnahme von Messwerten
wird die Strahlung des radioaktiven Iods registriert und mithilfe eines
Computers ausgewertet.
Das Bild, das der Arzt erhält, wird als Szintigramm
bezeichnet (Bild 2). Aus einem solchen Szintigramm ist für den Arzt
erkennbar, ob krankhafte Veränderungen der Schilddrüse vorliegen
oder nicht.
Dieses Untersuchungsverfahren, die Szintigrafie,
wurde in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA entwickelt
und ist heute ein Standardverfahren. Während man früher das
Radionuklid Iod-131 mit einer Halbwertszeit von etwa 8 Tagen nutzte, wird
heute in der Regel Iod-123 mit einer Halbwertszeit von 12,3 Stunden oder
Technetium-99 verwendet. Dadurch ist die Strahlenbelastung des Patienten
deutlich geringer als bei den Untersuchungen, die früher durchgeführt
wurden. Die Aktivitäten der Radionuklide, die dabei auftreten, liegen
zwischen 2 MBq und 40 MBq.
Neben Untersuchungen der Schilddrüse können mit diesem Verfahren
auch die Leber und die Bauchspeicheldrüse untersucht werden. In welches
Organ ein Radionuklid bevorzugt wandert, hängt davon ab, in welche
chemische Verbindung es eingebaut worden ist.
Weg
von Stoffen in einer Pflanze: Das Markierungsverfahren kann auch
genutzt werden, um den Transportweg
von Stoffen in einer Pflanze zu verfolgen. Dazu wird z. B. dem Wasser,
das die Pflanze aufnimmt, ein Radionuklid beigegeben und die von der Pflanze
dann ausgehende radioaktive Strahlung in zeitlichen Abständen gemessen.
Man erhält damit jeweils ein Bild darüber, wo sich das Radionuklid
befindet und wie sich seine Verteilung verändert hat. Bild 8 zeigt
zwei Aufnahmen einer Pflanze: In Bild 8a ist das Radionuklid Phosphor-32
im Stängel konzentriert. Nach einer gewissen Zeit ist es zu den Blatträndern
gewandert (Bild 8b).
Als Radionuklide für das Markierungsverfahren nutzt man u. a. neben
den beiden bereits genannten Iod-123 und Technetium-99 auch Kohlenstoff-14,
Calcium-45, Caesium-137 und Cobalt-60.