
1911 veröffentlichte der britische Physiker ERNEST
RUTHERFORD (1871-1937, Bild 1) eine bedeutsame Arbeit zur Streuung von
an Atomen.
Er leitete aus diesen Untersuchungen Vorstellungen über den Aufbau
von Atomen ab, die heute als rutherfordsches
Atommodell bezeichnet werden. Dieses Atommodell von RUTHERFORD war
ein wichtiger Schritt in der Theorie vom Atombau.
Nachfolgend sind Auszüge aus dieser Arbeit von E. RUTHERFORD angegeben.
Streuung von an
Materie und Atombau |
Von
E. Rutherford
Es ist bekannt, daß
durch
Zusammenstöße mit den Atomen der Materie von ihren geradlinigen
Bahnen abgelenkt werden. Diese Streuung ist bei
wegen ihrer viel kleineren Impulse und Energien weit mehr ausgeprägt
als bei
. Es scheint
keinem Zweifel mehr zu unterliegen, daß solche schnell bewegten
Teilchen das Atom auf ihrem Weg durchqueren und daß die beobachteten
Ablenkungen von dem starken elektrischen Feld hervorgerufen werden, das
im Inneren des Atomsystems durchlaufen wird. Es wurde allgemein vermutet,
daß die Streuung eines Bündels von
beim
Passieren einer dünnen Materieschicht das Resultat einer Vielzahl
von kleinen Streuungen an den Atomen der durchquerten Materie ist. Die
Beobachtungen von GEIGER und MARSDEN (1) über die Streuung von
zeigten jedoch, daß einige
bei einem einzigen Stoß eine Ablenkung um mehr als einen rechten
Winkel erfahren haben mußten. Sie fanden z. B., daß ein kleiner
Teil der einfallenden
,
ungefähr 1 von 20.000, beim Durchqueren einer etwa 0,000.04 cm dicken
Goldfolie, die einem Bremsvermögen von 1,6 mm Luft für
äquivalent ist, um einen durchschnittlichen Winkel von 90° abgelenkt
wurde. GEIGER (2) zeigte später, daß der wahrscheinlichste
Ablenkwinkel für ein
,
das eine Goldfolie dieser Dicke durchquert, ungefähr 0,87° ist.
Eine einfache Rechnung mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung zeigt,
daß die Wahrscheinlichkeit für ein
,
um 90° abgelenkt zu werden, verschwindend klein ist. Hinzu kommt,
wie man später sehen wird, daß die Verteilung der
über die verschiedenen Winkel bei großen Ablenkungen erwartungsgemäß
dann nicht mehr dem Wahrscheinlichkeitsgesetz folgt, wenn diese großen
Ablenkungen sich aus einer großen Zahl kleiner Abweichungen zusammensetzen.
Es erscheint vernünftig anzunehmen, daß die Ablenkung um einen
großen Winkel durch einen einzigen Stoß mit einem Atom erfolgt;
denn die Wahrscheinlichkeit, daß ein zweiter Zusammenstoß
dieser Art eine große Ablenkung verursacht, ist in den meisten Fällen
außerordentlich klein. Eine einfache Rechnung zeigt, daß das
Atom Sitz eines intensiven elektrischen Feldes sein müßte,
um solch eine große Ablenkung bei einem einzigen Stoß zu verursachen.
Vor kurzem hat Sir J. J. THOMSON (3) eine Theorie zur Erklärung der
Streuung elektrisch geladener Teilchen beim Durchqueren von Materie geringer
Dicke vorgelegt. Es wurde angenommen, daß das Atom aus einer Anzahl
N negativ geladener Korpuskeln besteht, die
von einer gleich großen Menge positiver gleichmäßig kugelförmig
verteilter Elektrizität begleitet werden. Die Ablenkung eines elektrisch
negativ geladenen Teilchens beim Durchqueren eines Atoms ist dann auf
zwei Gründe zurückzuführen :
1. die Abstoßung der über das Atom verteilten Korpuskeln und
2. die Anziehung der positiven Elektrizität im Atom. Die Ablenkung
des Teilchens beim Durchqueren des Atoms wird als klein angenommen, während
die mittlere Ablenkung nach einer großen Zahl m
von Zusammenstößen als
angenommen wird, wobei
die
mittlere, durch ein Atom verursachte Ablenkung darstellt. Es wurde gezeigt,
daß die Anzahl N der Elektronen in einem
Atom aus den Beobachtungen über die Streuung elektrisch geladener
Teilchen abgeleitet werden kann. Die Richtigkeit dieser Theoric der Mehrfachstreuung
wurde von CROWTHER (4) in einer späteren Arbeit experimentell geprüft.
Seine Ergebnisse bestätigten scheinbar die wesentlichen Schlußfolgerungen
aus der Theorie, und er folgerte aus der Annahme, daß die positive
Elektrizität kontinuierlich verteilt ist, daß die Anzahl der
Elektronen in einem Atom etwa dreimal so groß wie dessen Atomgewicht
ist.
Die Theorie von Sir J. J. THOMSON basiert auf der
Annahme, daß die durch einen einzelnen atomaren Stoß verursachte
Streuung gering ist, und die angenommene Struktur eines Atoms läßt
keine sehr große Ablenkung eines
beim Passieren eines einzelnen Atoms zu, es sei denn, man würde annehmen,
daß der Durchmesser der Kugel positiver Elektrizität gegenüber
dem Durchmesser der Einflußsphäre des Atoms winzig klein ist.
Da ja die
das Atom durchdringen, sollte es möglich sein, aus einer geschlossenen
Untersuchung der Natur der Ablenkung eine gewisse Vorstellung über
den Aufbau des Atoms abzuleiten, um die beobachteten Effekte zu erklären.
Tatsächlich ist die Streuung sehr schneller geladener Teilchen an
Atomen der Materie eine vielversprechende Methode, um diese Probleme in
Angriff zu nehmen. Die Entwicklung der Szintillationsmethode zur Zählung
einzelner
brachte ungewöhnliche Vorteile für die Untersuchung, und die
Forschungen von H. GEIGER mit dieser Methode haben bereits viel zu unserer
Kenntnis über die Streuung von
durch Materie beigetragen.
§ 7. Allgemeine Überlegungen
Beim Vergleich der in dieser Arbeit skizzierten Theorie
mit den experimentellen Ergebnissen wurde vorausgesetzt, daß das
Atom aus einer zentralen, in einem Punkt konzentrierten Ladung besteht
und daß große Einfachablenkungen von
hauptsächlich
beim Durchgang durch ein starkes zentrales Feld verursacht werden. Die
Wirkung einer gleich großen kompensierenden entgegengesetzten Ladung,
die gleichmäßig über eine Kugel verteilt angenommen worden
ist, wurde vernachlässigt. Einige Hinweise zur Unterstützung
dieser Annahme sollen jetzt kurz betrachtet werden. Konkret betrachten
wir den Durchgang eines
hoher Geschwindigkeit durch ein Atom, das eine positive Zentralladung
Ne besitzt und von einer kompensierenden Ladung
von N Elektronen umgeben ist. Wir erinnern
uns, daß Masse, Impuls und kinetische Energie des
sehr groß sind gegenüber den entsprechenden Werten für
ein schnell bewegtes Elektron. Aus dynamischen Überlegungen heraus
ist es daher unmöglich, daß ein
bei starker Annäherung an ein Elektron um einen großen WinkeI
abgelenkt werden kann, selbst wenn sich das Elektron in schneller durch
ein starkes elektrisches Feld erzwungener Bewegung befindet. Eine vernünftige
Annahme scheint zu sein, daß die Wahrscheinlichkeit für große
Einfachablenkungen bei einem Stoß mit einem Elektron wenn nicht
Null, dann doch zumindest äußerst klein gegenüber der
Ablenkung an der zentralen Ladung ist.
Es ist von Interesse zu prüfen, inwieweit experimentelle Ergebnisse
Licht auf die Frage nach der Ausdehnung der Verteilung der zentralen Ladung
wirft. Nehmen wir z. B. an, die zentrale Ladung sei aus N
Einheitsladungen zusammengesetzt, die über ein solches Volumen verteilt
sind, daß große Einfachablenkungen hauptsächlich durch
die Einzelladungen und nicht durch das äußere Feld der gesamten
Ladungsverteilung verursacht werden. Es wurde gezeigt (§ 3), daß
der Anteil der um einen großen Winkel gestreuten
proportional zu
ist, wobei Ne die in einem Punkt konzentrierte
Zentralladung und E die Ladung des abgelenkten
Teilchens sind. Wenn diese Ladung jedoch in einzelne Einheiten
(Subteilchen) verteilt ist, ist der Anteil der um einen bestimmten Winkel
gestreuten
proportional zu
In
dieser Rechnung ist der Einfluß der Masse der Subteilchen vernachlässigt,
lediglich ihr elektrisches Feld ist in Rechnung gestellt worden. Da gezeigt
wurde, daß der Wert der zentralen Punktladung für Gold ungefähr
100 sein muß, müßte der Wert einer verteilten Ladung,
die das gleiche Verhältnis von Einfachablenkungen um einen großen
Winkel erzeugt, wenigstens 10.000 sein. Unter diesen Bedingungen würde
die Masse eines einzelnen Subteilchens, verglichen mit der des
,
klein sein, und große Einfachablenkungen wären überhaupt
schwierig hervorzubringen. Weiterhin ist bei solch einer weit verteilten
Ladung der Effekt der Mehrfachstreuung bedeutender als der der Einfachstreuung.
Zum Beispiel würde der wahrscheinlichste kleine Ablenkwinkel eines
Bündels von
beim Durchgang durch eine dünne Goldfolie viel größer
sein, als dies experimentell von GEIGER beobachtet wurde. Die Streuung
in große und in kleine Winkel könnte dann nicht durch die Annahme
einer zentralen Ladung vom gleichen Wert erklärt werden. Betrachtet
man die Sachlage im Ganzen, scheint es am einfachsten anzunehmen, daß
das Atom eine zentrale Ladung in einem sehr kleinen Volumen enthält
und daß große Einfachablenkungen durch die zentrale Ladung
aIs Ganzes und nicht durch ihre Bestandteile hervorgerufen werden. Gleichzeitig
ist jedoch der experimentelle Befund nicht genau genug, um die Möglichkeit
auszuschließen, daß ein kleiner Teil der positiven Ladung
durch Satelliten in einem gewissen Abstand vom Zentrum getragen wird.
Eine Klärung dieses Punktes könnte erfolgen, indem man prüft,
ob die gleiche zentrale Ladung erforderlich ist, um die großen Einfachablenkungen
von
zu erklären;
ein
muß
sich dem Atomzentrum viel stärker annähern als ein
mittlerer Geschwindigkeit, um die gleich große Ablenkung zu erfahren.
Die verfügbaren allgemeinen Meßergebnisse
zeigen, daß der Wert dieser zentralen Ladung für verschiedene
Atome genähert proportional zum Atomgewicht ist, zumindest für
Atome schwerer als Aluminium. Es wird von großem Interesse sein,
experimentell zu prüfen, ob eine solche einfache Beziehung auch für
die leichteren Atome gilt. In Fällen, in denen die Masse des ablenkenden
Atoms (z. B. Wasserstoff, Helium, Lithium) von der des
nicht sehr verschieden ist, muß die allgemeine Theorie der Einfachstreuung
modifiziert werden; denn es ist notwendig, die Bewegungen der Atome selbst
zu berücksichtigen (s. § 4).
Es ist interessant zu vermerken, daß NAGAOKA (8) mathematisch die
Eigenschaften eines "Saturn"-Atoms beschrieben hat, das nach
seiner Annahme aus einer zentralen anziehenden Masse besteht, die von
Ringen kreisender Elektronen umgeben ist. Er zeigte, daß solch ein
System stabil ist, wenn die Anziehungskraft groß ist. Von dem in
dieser Arbeit betrachteten Standpunkt würde die Wahrscheinlichkeit
einer großen Ablenkung praktisch unverändert bleiben, ob man
das Atom nun als Scheibe oder als Kugel betrachtet. Es sei vermerkt, daß
der für die zentrale Ladung des Goldatoms gefundene Näherungswert
(100 e) ungefähr gleich demjenigen ist,
der zu erwarten wäre, wenn das Goldatom aus 49 Heliumatomen mit einer
Ladung von je 2e bestünde. Es mag nur
rein zufällig sein, aber es ist sicherlich bezeichnend im Hinblick
auf die Emission von Heliumatomen mit zwei Einheitsladungen durch radioaktive
Materie.
Die bisher betrachteten Ableitungen aus der Theorie
sind unabhängig vom Vorzeichen der zentralen Ladung, und es war bis
jetzt nicht möglich, einen stichhaltigen Grund für die Entscheidung
zu finden, ob sie positiv oder negativ ist. Es scheint möglich zu
sein, die Frage des Vorzeichens zu entscheiden, indem man Überlegungen
über den Unterschied der Absorptionsgesetze anstellt, die nach den
beiden Hypothesen für
zu erwarten sind; denn der Effekt der Strahlung infolge der Geschwindigkeitsabnahme
eines
sollte
für ein positives Zentrum weit ausgeprägter sein als für
ein negatives.
Für eine positive Zentralladung ist leicht einzusehen,
daß eine positiv geladene Masse beim Verlassen des Zentrums eines
schweren Atoms eine große Geschwindigkeit während der Bewegung
durch das elektrische Feld erlangen wird. Es scheint möglich, auf
diese Weise die hohe Emissionsgeschwindigkeit der
zu
erklären, ohne anzunehmen, daß sie sich ursprünglich im
Atom schnell bewegt haben.
Weitere Überlegungen über die Anwendung dieser Theorie auf diese
und andere Fragen sollen für eine spätere Arbeit aufgehoben
werden, sobald die Hauptfolgerungen aus der Theorie experimentell geprüft
worden sind. Experimente in dieser Richtung werden schon von GEIGER und
MARSDEN vorbereitet.
Literatur
(1) GEIGER und MARSDEN, Proc. roy. Soc. 82 (1909) 495.
(2) GEIGER, Proc. roy. Soc. 83 (1910) 492.
(3) THOMSON, Cambridge Lit. philos. Soc. 15. (1910), Teil 5.
(4) CROWTHER, Proc. roy. Soc. 84 (1910) 226.
(5) GEIGER, Manchester Lit. Philos. Soc. (1910).
(6) MARSDEN, Philos. Mag. 18 (1909) 909.
(7) Schmidt, Ann. Phys. 23 (1907) 671.
(8) NAGAOKA, Philos. Mag. 7 (1904) 445.
Den nächsten wichtigen Schritt ging zwei Jahre
später der dänische Atomphysiker NIELS BOHR (1885-1962, Bild
2), der mit seinem Atommodell (bohrsches
Atommodell) Elemente der Quantenphysik in die Atomphysik einbrachte.
Nachfolgend sind Auszüge aus dieser Arbeit von N. BOHR angegeben.
| Über den Aufbau der Atome und Moleküle |
Von
Niels Bohr
Einleitung
Um die Ergebnisse der Experimente über die Ablenkung von
durch
Materie zu erklären, hat Prof. RUTHERFORD (1) eine Theorie der Struktur
der Atome angegeben. Nach dieser Theorie bestehen die Atome aus einem
positiv geladenen Kern, umgeben von einem System von Elektronen, das durch
Anziehungskräfte vom Kern zusammengehalten wird. Die gesamte negative
Ladung der Elektronen ist der positiven Ladung des Kerns gleich. Ferner
wird der Kern als der Sitz des wesentichen Teils der Atommasse angesehen;
seine lineare Ausdehnung ist überaus klein, verglichen mit der linearen
Ausdehnung des gesamten Atoms. Die Elektronenzahl eines Atoms wird ungefähr
gleich dem halben Atomgewicht angenommen. Diesem Atommodell muß
großes Interesse beigemessen werden, weil - wie RUTHERFORD zeigte
- die Annahme der Existenz jener Kerne notwendig zu sein scheint, um die
Resultate der Experimente über die Ablenkung der
um große Winkel zu erklären (2).
Bei dem Versuch, einige Eigenschaften der Materie auf der Grundlage dieses
Atommodells zu erklären, treffen wir jedoch auf ernsthafte Schwierigkeiten,
die aus der scheinbaren Instabilität des Elektronensystems erwachsen
und die bei früher aufgestellten Atommodellen, z. B. bei dem von
J. J. THOMSON (3), absichtlich umgangen wurden. Nach dieser Theorie besteht
das Atom aus einer Kugel gleichmäßiger positiver Elektrizität,
innerhalb deren sich die Elektronen auf Kreisbahnen bewegen.
Der prinzipielle Unterschied zwischen den von THOMSON und RUTHERFORD vorgeschlagenen Atommodellen besteht darin, daß die auf die Elektronen wirkenden Kräfte im thomsonschen Atommodell bestimmte Konfigurationen und Bewegungen der Elektronen gestatten, für die sich das System in einem stabilen Gleichgewicht befindet; solche Konfigurationen existieren im zweiten Atommodell jedoch offensichtlich nicht. Die Natur des vorliegenden Unterschiedes wird vielleicht am deutlichsten sichtbar, wenn man beachtet, daß unter den charakteristischen Größen für das erste Atom eine Größe - der Radius der positiven Kugel - mit der Dimension einer Länge und der gleichen Größenordnung wie die lineare Ausdehnung des Atoms enthalten ist, während eine solche Länge unter den charakteristischen Größen des zweiten Atoms, nämlich unter den Ladungen und Massen der Elektronen und des positiven Kerns nicht erscheint; eine charakteristische Länge kann auch nicht allein mit Hilfe der letzteren Größe bestimmt werden.
Die Art und Weise, ein Problem dieser Art zu betrachten,
hat sich in den letzten Jahren wesentlich verändert angesichts der
Entwicklung der Theorie der Energiestrahlung und der direkten Bestätigung
der neuen in dieser Theorie eingeführten Annahmen durch Experimente
im Bereich sehr verschiedener Erscheinungen, wie spezifische Wärme,
Fotoeffekt, Röntgenstrahlen usw. Das Ergebnis der Diskussion dieser
Fragen scheint eine allgemeine Bestätigung der Unzulänglichkeit
der klassischen Elektrodynamik bei der Beschreibung des Verhaltens von
Systemen atomarer Größe zu sein (4). Wie auch immer die Veränderung
der Bewegungsgesetze der Elektronen sein mag, scheint es notwendig, in
die vorliegenden Gesetze eine Größe einzuführen, die der
klassischen Elektrodynamik fremd ist, und zwar die PLANCKsche
Konstante, oft auch das elementare Wirkungsquantum genannt. Durch
die Einführung dieser Größe verändert sich die Frage
nach der stabilen Konfiguration der Elektronen im Atom wesentlich, da
diese Konstante eine solche Dimension und Größe hat, daß
sie, zusammen mit der Masse und der Ladung der Teilchen, eine Länge
der gesuchten Größenordnung ergeben kann.
Diese Arbeit ist ein Versuch zu zeigen, daß die Anwendung der obigen
Ideen auf das RUTHERFORDsche Atommodell eine Grundlage für eine Theorie
des Atombaus schafft. Es soll ferner gezeigt werden, daß uns diese
Theorie zu einer Theorie der Struktur der Moleküle führt. Im
vorliegenden ersten Teil der Arbeit wird der Mechanismus der Bindung der
Elektronen an einen positiven Kern im Zusammenhang mit der PLANCKschen
Theorie diskutiert. Es wird gezeigt werden, daß es von dem gewählten
Standpunkt aus möglich ist, die Gesetzmäßigkeit des Wasserstofflinienspektrums
auf einfache Weise zu erklären. Ferner werden Begründungen für
eine grundsätzliche Hypothese gegeben, auf die sich die in den folgenden
Teilen enthaltenen Überlegungen gründen.
Ich möchte hier Prof. RUTHERFORD meinen Dank aussprechen für
sein freundliches und ermunterndes Interesse an dieser Arbeit.
TEIL I
Die Bindung von Elektronen an positive Kerne
§ 1. Allgemeine Überlegungen
Die Unzulänglichkeit der klassischen Elektrodynamik
bei der Erklärung der Atomeigenschaften mit einem Atommodell wie
dem RUTHERFORDschen tritt besonders deutlich hervor, wenn wir ein einfaches
System aus einem positiv geladenen Kern von sehr kleiner Ausdehnung und
einem Elektron betrachten, das geschlossene Bahnen um diesen beschreibt.
Der Einfachheit halber wollen wir voraussetzen, daß die Masse des
Elektrons gegenüber der des Kerns vernachlässigbar klein ist,
und ferner, daß die Elektronen sich mit einer gegenüber der
Lichtgeschwindigkeit kleinen Geschwindigkeit auf kreisförmigen Umlaufbahnen
bewegen.
Wie in den vorhergehenden Fällen eines einzelnen Elektrons oder eines
um den Kern rotierenden Ringes sehen wir mit Hilfe dieses Theorems, daß
die gesamte emittierte Energie bei der Bildung der Systeme aus einem Zustand,
in dem sich die Teilchen in unendlichem Abstand voneinander befinden und
relativ zueinander keine Geschwindigkeiten besitzen, gleich der kinetischen
Energie der Elektronen in der endgültigen Konfiguration ist.
Das führt uns dazu, analog zum Fall eines einzigen
Ringes anzunehmen, daß zu jeder Gleichgewichtskonfiguration eine
Reihe geometrisch ähnlicher stationärer Konfigurationen des
Systems existieren wird, in denen die kinetische Energie jedes Elektrons
gleich dem Produkt aus der Umlauffrequenz und
ist,
wobei
eine
ganze Zahl und h die PLANCKsche Konstante sind.
In jeder dieser Serien von stationären Konfigurationen wird diejenige
dem größten emittierten Energiebetrag entsprechen, in der
für alle Elektronen gleich 1 ist. Berücksichtigen wir, daß
das Verhältnis der kinetischen Energie zur Frequenz für ein
auf einer Kreisbahn umlaufendes Teilchen gleich dem
Drehimpuls zum Bahnmittelpunkt ist, so gelangen wir zu der folgenden,
einfachen Verallgemeinerung der in § 3 und weiter oben im vorliegenden
Paragraphen erwähnten Hypothese.
"In jedem aus positiven Kernen
und Elektronen bestehenden molekularen System, bei dem sich die Kerne
relativ zueinander in Ruhe befinden und die Elektronen auf Kreisbahnen
umlaufen, ist der Drehimpuls jedes Elektrons, bezogen auf das Zentrum
seiner Umlaufbahn im Grundzustands des Systems gleich
,
wobei h die PLANCKsche Konstante ist."
(Anmerkung: Bei den zu dieser Hypothese führenden Betrachtungen haben wir vorausgesetzt, daß die Geschwindigkeit der Elektronen klein gegen die Lichtgeschwindigkeit ist. Der Gültigkeitsbereich dieser Voraussetzung wird in Teil II erörtert werden.)
Analog zu den soeben gegebenen Betrachtungen müssen
wir annehmen, daß eine Konfiguration, die diese Bedingung erfüllt,
stabil ist, falls die Gesamtenergie des Systems kleiner ist als in irgendeiner
benachbarten Konfiguration, die die gleiche Bedingung für den Drehimpuls
der Elektronen erfüllt.
Wie in der Einleitung erwähnt wurde, wird die obige Hypothese im
folgenden als Grundlage für eine Theorie der Struktur von Atomen
und Molekülen dienen. Es wird gezeigt werden, daß sie zu Resultaten
führt, die mit den Experimenten über eine ganze Reihe verschiedener
Erscheinungen übereinzustimmen scheinen.
Die Begründung der Hypothese wurde ausschließlich in ihrem
Verhältnis zur PLANCKschen Strahlungstheorie gesucht; mit Hilfe späterer
Betrachtungen soll von einem anderen Standpunkt aus versucht werden, etwas
mehr Licht auf ihre Begründung zu werfen.
Literatur
(1) E. RUTHERFORD, Philos. Mag. 21 (1911) 669 (Auszüge davon sind
oben enthalten)
(2) H. GEIGER, E. MARSDEN, Philos. Mag. 20 (1913) 604.
(3) J. J. THOMSON, Philos. Mag. 7 (1904) 237.
(4) Siehe z. B. Theorie du rayonnement et les quanta, in: Proceedings
of the First Solvay Congress 1911. Paris 1912.
(5) Siehe z. B. M. PLANCK, Ann. Phys.31 (1910) 758; 37 (1912) 642; Verh.
Dtsch. phys. Ges. Berlin 13 (1911) 138.
(6) A. EINSTEIN, Ann. Phys. 17 (1905) 132; 20 (1906) 199; 22 (1907) 180.
(7) A. E. HAAS, Jahrb. Rad. EI. 7 (1910) 261; s. auch A. SCHIDLOF, Ann.
Phys. 35 (1911) 90; E. WERTHEIMER, Phys. Z. 12 (1911) 409; Verh. Dtsch.
phys. Ges. Berlin 14 (1912) 431 ; F. A. LINDEMANN, Verh. Dtsch. phys.
Ges. Berlin 13 (1911) 482 und 1107; F. HABER, Verh. Dtsch. phys. Ges.
Berlin 13 (1911) 1117.
(8) J. W. NICHOLSON, Monthly Notices roy. astr. Soc. 72 (1912) 49, 139,
677, 693 und 729.
(9) N. BOHR, Philos. Mag. 20 (1913) 24.