
AUGUSTIN
JEAN FRESNEL lebte in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche, die auch
sein Leben beeinflussten. 1789 war das Jahr der Französischen Revolution,
1804 erklärte sich NAPOLEON zum Kaiser der Franzosen, 1814 musste er
abdanken.
In den Naturwissenschaften und der Technik dieser Zeit wurden zahlreiche
neue Erkenntnisse gewonnen, insbesondere auch auf dem Gebiet der Optik,
auf dem dann FRESNEL vorrangig gearbeitet hat. Der Astronom FRIEDRICH WILHELM
HERSCHEL (1738-1822) entdeckte das infrarote Licht, der Physiker und Chemiker
JOHANN WILHELM RITTER (1776-1827) das ultraviolette Licht. THOMAS YOUNG
(1773-1827) fand die Interferenz von Wellen und wies auch bei Licht Interferenzerscheinungen
nach. JOSEPH VON FRAUNHOFER (1787-1826) erfand das Beugungsgitter und entdeckte
die nach ihm benannten fraunhoferschen Linien im Sonnenspektrum.
Leben und Wirken
AUGUSTIN JEAN FRESNEL wurde am 10. Mai 1788 als Sohn eines Baumeisters
in Broglie in der Normandie geboren. Sein Geburtsort gehörte zum
Besitz einer Familie, aus der später selbst ein berühmter Physiker
hervorgegangen ist, nämlich der Nobelpreisträger LOUIS DE BROGLIE.
Nach dem Besuch der Schule in Caen begann er 1804 sein Studium als Ingenieur an der berühmten Pariser École Polytechnique, an der hervorragende Wissenschaftler als Lehrer wirkten. In den gut eingerichteten Laboratorium dieser Schule eignete sich FRESNEL die handwerklichen und experimentellen Fähigkeiten an, die Voraussetzung für seine grundlegenden optischen Versuche waren. Typisch für die Ingenieurausbildung im napoleonischen Frankreich war eine sehr solide Grundlagenausbildung in Mathematik und Physik. Das befähigte FRESNEL später auch, die schwierigsten theoretischen Probleme der Physik zu bearbeiten.
Anschließend besuchte FRESNEL noch die École des Ponts et Chaussées, eine Ingenieurschule. Danach begann er als Ingenieur für Straßen- und Brückenbau im Staatsdienst zu arbeiten.
In wissenschaftlichen Studien sah er einen Ausgleich
zu seiner Arbeit, die ihn oft nicht befriedigte. Insbesondere das Beaufsichtigen
der Bauarbeiter, das mit zu seinen Aufgaben gehörte, war ihm zuwider.
Er selbst schrieb dazu:
"Ich finde nichts so unerfreulich wie die Notwendigkeit,
Leute anzuleiten, und ich gestehe, daß ich nicht imstande bin, das
zu tun".
Ab etwa 1814 begann sich FRESNEL mit optischen Problemen zu beschäftigen. Seine berufliche Tätigkeit und auch seine Forschungsarbeiten wurde 1815 jäh unterbrochen. NAPOLEON BONAPARTE kehrte aus der Verbannung von der Insel Elba zurück. FRESNEL stellte sich als Anhänger des Königs den königlichen Truppe zur Verfügung, die vergeblich versuchten, den Marsch des Kaisers auf Paris zu verhindern. Nach der Niederlage verlor er seine Stellung und wurde unter Polizeiaufsicht gestellt, durfte aber zu seiner Mutter in die Bretagne reisen. Auf der Reise begegnete er dem Physiker D. ARAGO (1786-1853), der ihn ausführlich über den Stand der Forschung auf dem Gebiet der Optik informierte. Diese Gespräche waren eine entscheidende Anregung für FRESNEL, sich intensiver mit optischen Problemen zu beschäftigen.
Nach 100 Tagen und der Niederlage NAPOLEONs bei Waterloo wurde die Situation für FRESNEL wieder günstiger. Er konnte seine Tätigkeit als Ingenieur in der Bretagne wieder aufnehmen. Als er wenig später als "Inspektor für die Pflasterung der Hauptstadt" nach Paris versetzt wurde, setzte er auch seine optischen Untersuchungen fort, nun aber in ständigem Kontakt mit Fachkollegen der Pariser Universität und der Akademie der Wissenschaften.
FRESNEL beschäftigte sich insbesondere mit der Interferenz des Lichtes. 1823 wurde er Mitglied der Pariser Akademie der Wissenschaften. 1824 erlitt er einen ersten Blutsturz und zog danach aufs Land, wo er sich eine Linderung seines Leidens versprach. 1825 wählte ihn die britische Royal Society zum Mitglied. Eine Auszeichnung dieser Akademie, die Rumford-Medaille konnte ihm sein Freund ARAGO gerade noch vor seinem Tode am 14. Juli 1827 überreichen.
Wissenschaftliche
Leistungen
Seit etwa 1700 gab es zwei unterschiedliche Auffassungen über das
Wesen des Lichtes: Während
der Holländer CHRISTIAAN HUYGENS (1629-1695) eine Wellenvorstellung
vertrat, fasste der berühmte englische Physiker ISAAC NEWTON (1643-1727)
Licht als einen Strom kleinster Teilchen auf. Aufgrund der größeren
Autorität NEWTONs wurde im 18. Jahrhundert fast durchweg die Teilchenvorstellung
anerkannt.
Nun hatte ein Landsmann NEWTONs, der Arzt THOMAS YOUNG
(1773-1829), sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts erneut mit der Wellenauffassung
beschäftigt. Das regte FRESNEL zu grundlegenden optischen Versuchen
an, die er 1815 in seiner Abgeschiedenheit mit einfachen Mitteln und großem
technischen Geschick durchführte. Die Ergebnisse fasste er in zwei
grundlegenden Abhandlungen zusammen, die er Ende 1815 der Pariser Akademie
vorlegte.
Als die Französische Akademie 1817 den Großen Preis der Mathematischen
Wissenschaften für das Jahr 1819 zum Thema Beugung des Lichtes ausschrieb,
bewogen AMPÈRE und ARAGO ihren Kollegen FRESNEL, seine Arbeiten
einzureichen. Er reichte seine überarbeiteten Schriften von 1815
ein und erhielt den Preis der Akademie. Diese Schrift war eine mathematisch
exakt formulierte Abhandlung über die Wellentheorie
des Lichtes. Insbesondere erweiterte FRESNEL das huygenssches Prinzip
der Elementarwellen durch Einbeziehung von Beugung und Interferenz zum
huygens-fresnelschen
Prinzip.
1821 untersuchte er zusammen mit ARAGO die Polarisation des Lichtes. Im
gleichen Jahr entwickelte er eine dünne und großflächige
Linse, mit der die gleiche Brechung erzielt werden kann wie mit einer
dicken Linse. Diese Art von Linsen werden heute als FRESNEL-Linsen
oder auch als Zonenlinsen
oder Zonenplatten bezeichnet.
Die erste FRESNEL-Linse wurde 1823 in einem neuen Leuchtturm an der Mündung
der Gironde benutzt. Wir finden sie heute z. B. in den Overhead-Projektoren
oder als großflächige Linsen bei Scheinwerfern und Fahrzeugen
(Einparkhilfen).
1822 führte er einen Interferenzversuch
durch, bei dem keine Beugung auftritt, indem er das von zwei Spiegeln
reflektierte Licht überlagerte. Bild 2 zeigt eine eigenhändige
Zeichnung FRESNELs von diesem Experiment zur Interferenz am Winkelspiegel.
Damit hat er durch ein Experiment, wie es überzeugender nicht sein
kann, die letzten Zweifel an der Wellennatur des Lichtes ausgeräumt.
Er schrieb:
"Es ist also völlig erwiesen, daß
in gewissen Fällen Licht, hinzugefügt zu Licht, Dunkelheit erzeugt."
In den folgenden Jahren hat FRESNEL die Wellenauffassung über das
Licht zu einer abgeschlossenen Theorie entwickelt. Damit schuf er die
Grundlagen der Wellenoptik.