



Die
Geschichte der Nutzung des Windes - Windenergie im Wandel der Zeiten
Erste Windräder sollen
schon um 1700 v. Chr. zur Bewässerung der Felder eingesetzt worden
sein. Im persisch-afghanischen Raum wurden Windräder wohl ab dem
siebten nachchristlichen Jahrhundert zum Mahlen von Korn eingesetzt; daher
auch der Name Windmühle.
Diese Anlagen waren sehr einfach aufgebaut. Im europäischen Mittelalter
ist man zu einer anderen Bauweise übergegangen, die das vorhandene
Windangebot wesentlich effektiver nutzte. Die Bockwindmühle des 14.
Jahrhunderts beispielsweise hatte, ganz wie die meisten Windmühlen,
die heute noch erhalten sind, vier große Flügel, die sich um
eine waagerecht liegende Achse drehten. Das ganze Mühlenhaus samt
Mahlwerk war drehbar auf dem darunter liegenden Gestell, dem Bock, gelagert,
sodass es immer dem Wind entgegen gedreht werden konnte.
Dieser Mühlentyp wurde über die Jahrhunderte in zahlreichen
Varianten entwickelt und verbessert, bis in den Niederlanden des 17. und
des 18. Jahrhunderts die Kunst des Windmühlenbaus ihre absolute Blüte
erreicht hatte; danach änderte sich die Konstruktionsweise nicht
mehr wesentlich, das Prinzip war bis an die Grenze des damals technisch
Machbaren ausgereizt. Den Höhepunkt ihrer Verbreitung erreichte die
Windmühle im 19. Jahrhundert. Damals drehten sich in Europa ungefähr
200.000 Windmühlen, die eine Antriebsleistung von der Größenordnung
eines Gigawatts aufbrachten; das entspricht der körperlichen Arbeit
von 5-10 Millionen Menschen!
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts tauchte dann in Nordamerika ein völlig
anderer Typ von Windrädern auf: Anlagen mit vielflügligen Rotorblättern
statt nur vier Armen, die zum Antrieb einer Kolbenpumpe dienten statt
zum Mahlen von Getreide. Diese Windräder brauchten also kein Mahlwerk
mehr, und das Baumaterial Holz wurde zur Gänze von dem stabileren
Metall abgelöst.
Ihren Höhepunkt hatte die Windenergie damals jedoch schon überschritten.
Mit dem Beginn der industriellen Revolution explodierte der Bedarf an
Energie geradezu. Die Windräder und Windmühlen, die nur dann
arbeiten konnten, wenn der Wind günstig gewogen war, hatten gegen
die damals aufkommenden Dampfmaschinen und Verbrennungsmotoren, die immer
und jederzeit zu Diensten standen und außerdem auch für Fahrzeuge
und viele andere Anwendungen geeignet waren, keine Chance. Nach und nach
verschwanden die Windmühlen aus dem Landschaftsbild; 1882 waren es
in Deutschland noch 20 000, 1925 nur noch 8 000, und heute kümmern
sich Denkmalschutz und Fremdenverkehr um die wenigen verbliebenen Exemplare.
Es brauchte die große Ölpreiskrise von 1973, um den Blick fort
von Kohle und Öl zurück auf die erneuerbaren Energiequellen
zu richten: die Sonnenstrahlung, die Kraft strömenden Wassers, die
Gezeiten, die Temperaturunterschiede zwischen verschiedenen Meeresschichten,
die Wärme im Innern der Erde und eben den Wind auf den Höhenzügen
und an den Küsten. In den Industrieländern USA, Frankreich,
Deutschland, besonders in dem kleinen Dänemark, setzte eine zügige
Forschung und Entwicklung ein.
Seit etwa 1990 hat sich die Anzahl der Windkraftwerke in schnellem Tempo vergrößert. Die elektrische Leistung der Windkraftwerke in Deutschland stieg von 1990 bis 1999 um das 71fache, allerdings von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau aus. Die Kapazität der Windkraftwerke stieg bis zum Jahr 2001 auf etwa 8700 MW. Die folgende Übersicht zeigt die Entwicklung in den letzten Jahren.
|
Jahr
|
Anzahl der
Windkraftanlagen
|
Gesamtleistung
in MW
|
Stromerzeugung
in Mrd. kWh
|
| 1995 |
3579
|
1126
|
1,8
|
| 1996 |
4381
|
1550
|
2,2
|
| 1997 |
5214
|
2075
|
3,0
|
| 1998 |
6207
|
2857
|
4,6
|
| 1999 |
7866
|
4411
|
5,9
|
| 2000 |
9352
|
6070
|
9,1
|
| 2001 |
11407
|
8712
|
10,7
|
Aufbau
und Wirkungsweise eines Windkraftwerkes
Bild 3 zeigt den Aufbau eines Windkraftwerkes. Die wichtigsten Teile sind
der Rotor, der über eine Welle
und manchmal über ein Getriebe mit dem Generator
verbunden ist. Darüber hinaus gibt es einen Blattverstellmechanismus
und eine Windrichtungsnachführung. Beide dienen dazu, in Abhängigkeit
von der Stärke und der Richtung des Windes die günstigsten Verhältnisse
automatisch einzustellen. Durch
den Wind wird der Rotor in Bewegung gesetzt. Man benutzt heute meist Rotoren
mit horizontaler Achse und zwei oder drei Rotorblättern (Bild 1),
da mit einer solchen Anordnung der höchste Wirkungsgrad erzielt wird.
Die Rotorbewegung wird über die Welle und, falls vorhanden, über
das Getriebe auf den Läufer des Generators übertragen. In ihm
erfolgt eine Umwandlung von Rotationsenergie in elektrische Energie.
Größere Anlagen haben eine maximale Leistung von 500 kW, wobei
diese Maximalleistung nur bei ausreichender Windstärke erreicht wird.
Standortbedingungen
und Wirkungsgrad
Eine Windkraftanlage arbeitet nur dann effektiv, wenn die Windgeschwindigkeit
im Jahresmittel mindestens 5 m/s beträgt. Das ist in Deutschland
nur in einigen Regionen der Fall, vor allem im Küstenbereich und
in Teilen des Berglandes (Bild 4).
Der Windgeschwindigkeit kommt jedoch für die Leistungsausbeute eines
Windkraftwerks überragende Bedeutung zu: Die Leistung eines Windkraftwerks
steigt mit der dritten Potenz der Windgeschwindigkeit, aber nur linear
mit der Rotorfläche. Das heißt: Eine Verdopplung der Kreisfläche,
die der Rotor überstreicht, führt nur zu einer Verdopplung der
Leistung, aber eine Verdopplung der Windgeschwindigkeit zu einer Verachtfachung.
Das hat zwei Konsequenzen: Zum einen ist es extrem wichtig, den Standort
einer Windenergieanlage sorgfältig auszuwählen. Da moderne Windkraftanlagen
bei Windgeschwindigkeiten unter 5 Metern pro Sekunde praktisch keine Leistung
abgeben, versprechen nur bestimmte Landstriche ein hinreichendes Windangebot.
Weltweit sind hier vor allem die pazifischen Küstensäume Nord-
und Südamerikas und Asiens, die Nordpolarmeerküsten Kanadas
und Sibiriens sowie die Atlantikküste Nordafrikas, Frankreichs, Irlands
und Schottlands zu nennen; in Deutschland sind vor allen Dingen die Meeresküsten
attraktiv. Zum Zweiten müssen Windkraftanlagen so hoch wie nur möglich
sein: Je höher der Turm, desto höher ist die Windgeschwindigkeit,
die der Rotor einfängt.
Die Energieumwandlungen und auch die auftretenden Energieverluste lassen sich gut in einem Energieflussdiagramm veranschaulichen (Bild 5). Der theoretisch höchste erreichbare Wirkungsgrad beträgt bei Windkraftanlagen ca. 60 %, da man grundsätzlich nicht die gesamte Windenergie nutzen kann. Nach Abzug der Getriebe- und Generatorverluste erreicht man heute bei modernen Windkraftanlagen einen Wirkungsgrad zwischen 40 % und 45 %. Da die Technik weitgehend ausgereift ist, sind beim Wirkungsgrad von Windkraftanlagen kaum noch Steigerungen zu erwarten.
Zukünftige
technologische Entwicklungen
Um das Energieangebot, das im Wind steckt, so effektiv wie nur möglich
nutzen zu können, wird noch viel Entwicklungsarbeit nötig sein.
Zurzeit zeichnen sich vier Tendenzen ab, die eine wesentliche Leistungssteigerung
versprechen:
Das
technische Potenzial der Windenergie
Heute, 25 Jahre nach Beginn der modernen Windenergienutzung, gibt es weltweit
Windenergieanlagen mit einer elektrischen Leistung von mehr als 10.000
MW, mit Schwerpunkten in Europa und den USA, zunehmend aber auch in Ländern
rund ums Mittelmeer, in Indien und China. Die Leistung pro Anlage ist
mit den Jahren gestiegen. Am Anfang wurden Maschinen mit wenigen Kilowatt
(kW) aufgestellt, danach mit 10 kW, heute mit mehreren 100 kW; ein bis
zwei oder drei MW pro Maschine sind in der Zukunft möglich, heute
aber noch nicht kommerziell verfügbar. Je nach der Windleistung am
Standort kann pro installiertem kW mit einer erzeugten elektrischen Energie
von 2 000 bis 4 000 Kilowattstunden pro Jahr gerechnet werden. Wie viel
Leistung man in Deutschland mit Windenergie tatsächlich erzeugen
kann, ist umstritten, da die Annahmen, die den Potenzialabschätzungen
zugrunde liegen, große Unsicherheiten aufweisen. Beispielsweise
müssen bei der Berechnung der Flächen, auf denen Windenergienutzung
möglich ist, von den meteorologisch geeigneten Arealen alle Flächen
abgezogen werden, die aus Sicherheits-, Lärmschutz-, Landschafts-
oder Naturschutzgründen nicht infrage kommen und die schon anderweitig
genutzt werden. Auch kann nicht beliebig viel Strom ins Stromnetz eingespeist
werden, wenn bei kräftigem Wind die Windrotoren auf voller Leistung
laufen. Die Abschätzung der möglichen Gesamtleistung aus Windstrom
für Deutschland schwankt entsprechend zwischen 2 und 56 Gigawatt.
Aus einer neueren Potenzialabschätzung für die erneuerbaren
Energien in Deutschland ergeben sich für das technische Potenzial
der Nutzung der Windenergie zur Stromerzeugung bis zu 83 Millionen Megawattstunden
pro Jahr; verglichen mit der Bruttostromerzeugung von 2001, die sich insgesamt
auf etwa 610 Millionen Megawattstunden belief, sind das ca. 14 %.
Probleme
der Windenergie
Die Gewinnung elektrischer Energie aus Windenergie ist auch mit Problemen
verbunden. Auch an den günstigen Standorten mit hohen mittleren Windgeschwindigkeiten
bläst der Wind nicht immer mit unverminderter Stärke. Auf Sylt
beispielsweise, ein sehr guter Standort, ist der Wind während 27
% der Zeit des Jahres, das sind immerhin 2365 Stunden, zu schwach für
die Windrotoren. Verallgemeinert heißt das, dass sich die energiewirtschaftliche
Nutzung der Windenergie zeitlich kaum planen lässt, da das Angebot
extrem starken witterungsbedingten Schwankungen unterliegt. "Hat
man Korn, so fehlts am Winde, hat man Wind, so fehlts am Korn",
sagt der Windmüller bei WILHELM BUSCH zu diesem altbekannten Dilemma.
Versorgungssicherheit rund um die Uhr mit ausreichenden Energiemengen
kann also mit Windenergie allein nicht erreicht werden, ein hoch industrialisiertes
Land wie Deutschland kann sein Stromversorgungskonzept allein deshalb
nicht nur auf dem Wind aufbauen. In Zeiten der Flaute müssen herkömmliche
Kraftwerke, meist auf Kohle- oder Erdölbasis, in die Bresche springen.
Windenergie kann also helfen, Brennstoffe zu sparen und Schadstoffemissionen
zu verringern, nicht jedoch, herkömmliche Kraftwerke überflüssig
zu machen.
Das zweite wesentliche Problem der Windenergie ist die geringe Energiedichte
des Windes: Ein Rotor erzeugt heute, wie erwähnt, eine Leistung im
Bereich mehrerer Hundert Kilowatt, in der Zukunft werden es vielleicht
einige Megawatt sein. Demgegenüber hat ein modernes konventionelles
Kraftwerk heute eine Leistung im Gigawattbereich; das ist um einen Faktor
tausend mehr! Das heißt: Soll die Windenergie tatsächlich einen
wesentlichen Beitrag zur Stromversorgung leisten, so müssen sehr
viele Anlagen aufgestellt werden.
Wollte man beispielsweise 15 %
des Strombedarfs der fünf Bundesländer an der Nord- und Ostseeküste
durch Windrotoren erzeugen - das sind ungefähr sechs Gigawatt -,
so müssten etwa längs der Strecke Emden-Hamburg auf einer Länge
von 190 km 22 ununterbrochene Reihen von Windkraftwerken stehen, eine
Leistung von 450 kW und einen realistischen Abstand zwischen zwei Anlagen
von 320 m vorausgesetzt!
Diese hohe Zahl der für eine bedarfsdeckende Stromerzeugung erforderlichen
Anlagen ist es, die die weiteren Nachteile der Windkraftwerke zu einem
wirklichen Problem werden lässt:
Besonders die Lärmbelästigung und die Veränderung des Landschaftsbilds führen zu zunehmenden Protesten in der Bevölkerung; es ist zu erwarten, dass mit steigender Zahl der Anlagen die Akzeptanz weiter sinkt. Die Installation von Anlagen in der Nordsee (»offshore«) würde die Belästigung von Anwohnern verringern, es muss dann aber auf den Schutz der belasteten Ökosysteme der Nordsee geachtet werden.
Und
die Kosten?
Was eine Kilowattstunde Strom aus Windenergie kosten darf, damit sie ökonomisch
vertretbar und im Wettbewerb konkurrenzfähig ist, ist eine strittige
Frage. Kritiker der Windenergie rechnen vor, dass der Strom nicht teurer
sein darf als die Brennstoffkosten der konventionellen Kraftwerke, die
zugunsten der Windrotoren zeitweise abgeschaltet werden, da die Kohle-
und Ölanlagen durch die Windenergie nicht überflüssig werden,
also gebaut, gewartet und schließlich stillgelegt werden müssen.
Unter dieser Voraussetzung dürfte eine Kilowattstunde Windstrom nur
etwa 3 Cent kosten. Die ökonomisch attraktivsten Anlagen an der Küste
kommen auf Stromerzeugungskosten von immerhin etwa 6 bis 7 Cent pro Kilowattstunde.
In den Augen der Befürworter der Windenergie greifen solche Zahlenspiele
zu kurz. Nicht berücksichtigt wurden hier die immensen Folgekosten
der konventionellen Energieerzeugung, die von der gesundheitlichen und
der Umweltbelastung durch Rest- und Schadstoffe und der unwiederbringlichen
Ausbeutung der fossilen Rohstofflager herrühren. Realistische Zahlenwerte
für diese Kosten sind kaum vorhanden; noch weiß niemand, wie
teuer wir in Zukunft für die Sünden der Vergangenheit und der
Gegenwart bezahlen müssen.
Perspektiven
der Nutzung von Windenergie
1998 wurden etwa 0,8 % des Strombedarfs in Deutschland durch Windkraft
erzeugt, dadurch wird knapp ein Prozent der jährlichen Kohlendioxidemission,
die etwa eine Milliarde Tonnen beträgt, eingespart. Im Jahr 2000
stieg der Anteil an der Elektroenergieerzeugung bereits auf ca. 1,5 %.
Damit die Windenergie in Zukunft einen wesentlicheren Beitrag zu Stromproduktion
und Umweltschutz leisten und vom Experimentierstadium in die Praxistauglichkeit
treten kann, ist noch viel Entwicklungsarbeit nötig. Dafür müssen
auch andere Fördermöglichkeiten als das Stromeinspeisungsgesetz
konzipiert werden, das einerseits von der Europäischen Union, andererseits
auch von der nationalen Elektrizitätswirtschaft mit Unbehagen betrachtet
wird. Ohne die Hilfe der Politik, die hier über das Tagesgeschäft
hinausschauen muss, um den notwendigen Alternativen zu Öl, Kohle
und Gas den Weg zu ebnen, kann der Boom der Windenergie schnell wieder
abflauen.