

NEWTON
und das Licht
Grundlegende Versuche zu Licht und seinen Farben führte erstmals ISAAC
NEWTON (1643-1727) durch. Er zerlegte weißes Licht mithilfe eines
Prismas in Spektralfarben (Bild 1), vereinigte die Spektralfarben wieder
zu weißem Licht und fand die Komplementärfarben. Sehr unterschiedliche
Meinungen und einen wissenschaftlichen Streit mit seinen Zeitgenossen ROBERT
HOOKE (1635-1703) und CHRISTIAAN HUYGENS (1629-1695) gab es darüber,
was Licht ist und wie Farberscheinungen zu erklären seien. NEWTON selbst
meinte dazu:
"Da wir nun den Grund der Farben nicht in den Körpern, sondern im Licht gefunden haben, so haben wir guten Grund, dieses als Substanz zu bezeichnen ...Aber vollständig und im Einzelnen zu bestimmen, was das Licht ist, auf welche Aktion es in unserem Geiste die Empfindung der Farben hervorbringt, das ist nicht so leicht, und ich will hier nicht Vermutungen mit Gewißheit zusammenmischen ..."
GOETHE und die
Farben
GOETHE ist berühmt für seine Literatur. Dass er selbst sich
auch als Naturwissenschaftler sah, belegt folgendes Zitat:
"Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein... Dass ich aber in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute, und ich habe ein Bewusstsein der Superiorität."
Goethe bekämpfte zeit seines Lebens die newtonsche Farbenlehre, nach der das weiße Licht aus Farben besteht. Für ihn war weißes Licht etwas Reines, Unzerlegbares. Farben hingegen entstehen aus dem Kampf zwischen der Helligkeit und der Finsternis. Gelb und Rot entstehen, wenn man vor etwas Helles eine Trübung, also Finsternis, anbringt. So erklärt sich nach GOETHE das Zustandekommen des Abendrots, weil die trübe Atmosphäre sich vor die helle Sonne schiebt. Umgekehrt entsteht Blau, wenn sich die Helligkeit vor die Finsternis schiebt. Der Himmel ist also blau, weil die hell erleuchtete Atmosphäre vor dem finsteren Weltall liegt.
Um NEWTON zu widerlegen, untersuchte GOETHE Kantenspektren. Dazu betrachtete er durch ein Prisma eine schwarze und weiße Fläche, die aneinanderstoßen (Bild 2).
An der Kante entstehen farbige Ränder, die um so prächtiger sind, je stärker der Kontrast ist (Bild 3). Dass dabei die Farben Gelb-Rot und Blau-Violett hervorgerufen werden, erklärte GOETHE folgendermaßen:
"Es ist deutlich erkennbar, dass Gegenstände in Betracht ihres tatsächlichen Ortes verschoben erscheinen. Sie werden aber nicht komplett verschoben, sondern wehren sich gewissermaßen gegen das Verrücken. Dadurch entsteht ein Nebenbild, das dem eigentlichen Bild vorauseilt."
Es schiebt sich z.B. das schwarze Nebenbild vor das
weiße Papier und erzeugt Gelb. Umgekehrt, wenn sich das weiße
Nebenbild vor das schwarze Papier schiebt, entsteht Blau.
GOETHEs Farbenlehre ist nicht widerlegbar. Sie eignet sich aber nicht
als ein brauchbares Modell, weil sie keine quantitativen Vorhersagen erlaubt.
Dies lehnte GOETHE ab. Er verachtete die Methoden der Wissenschaftler,
die durch Rechenkunst, durch Zerlegen und Teilen der Natur Gewalt antäten.
Die newtonsche Farbenlehre erklärt Kantenspektren
so (Bild 5):
Stellt man sich die weiße Kante in feine Streifen zerlegt vor, so
erzeugt jeder ein Spektrum, das sich mit den anderen Spektren überlagert.
Direkt am Rand gibt es keine Überlagerung mehr, weil kein benachbarter
weißer Streifen vorhanden ist. Deshalb bleibt die Rand-Spektralfarbe
übrig.
GOETHEs "Farbenlehre"
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE hat eine relativ umfangreiche Arbeit zu Farben
veröffentlicht, die den Titel "Farbenlehre"
trägt und in der er seine Auffassungen zu Farben darstellt. Nachfolgend
sind einige Auszüge aus dieser Farbenlehre zitiert.
"Die Arbeit selbst zerlegt sich in drei Teile". Der erste gibt den Entwurf einer Farbenlehre. In demselben sind die unzähligen Fälle der Erscheinungen unter gewissen Hauptphänomenen zusammengefaßt, welche nach einer Ordnung aufgeführt werden, die zu rechtfertigen der Einleitung überlassen bleibt. ...
Im zweiten Teil beschäftigen wir uns mit der Enthüllung der Newtonischen Theorie, welche einer freien Ansicht der Farbenerscheinungen bisher mit Gewalt und Ansehen entgegenstanden; wir bestreiten eine Hypothese, die, ob sie gleich nicht mehr brauchbar befunden wird, doch noch immer eine herkömmliche Achtung unter den Menschen behält. Ihr eigentliches Verhältnis muss deutlich werden, die alten Irrtümer sind wegzuräumen, wenn die Farbenlehre nicht, wie bisher, hinter so manchem anderen besser bearbeiteten Teile der Naturlehre zurückbleiben soll....
Wir vergleichen die Newtonische Farbentheorie mit einer alten Burg, welche von dem Erbauer anfangs mit jugendlicher Übereilung angelegt, nach dem Bedürfnis der Zeit und Umstände jedoch nach und nach von ihm erweitert und ausgestattet, nicht weniger bei Anlaß von Fehden und Feinseligkeiten immer mehr befestigt und gesichert worden. So verfuhren auch seine Nachfolger und Erben. Man war genötigt, das Gebäude zu vergrößert, hier daneben, hier daran, dort hinaus zu bauen; genötigt durch die Vermehrung innerer Bedürfnisse, durch die Zudringlichkeit äußerer Widersacher und durch manche Zufälligkeiten. ... Niemand fällt auf, dass der alte Bau unbewohnbar geworden. ... Wir finden vielmehr jenes achte Wunder der Welt schon als ein verlassenes, Einsturz drohendes Altertum und beginnen sogleich von Giebel und Dach herab es ohne weitere Umstände abzutragen, damit die Sonne doch endlich einmal in das alte Ratten- und Eulennest hineinscheine und dem Auge des verwunderten Wanderers offenbare jene labyrinthisch unzusammenhängende Bauart, das enge Notdürftige, das zufällig Aufgedrungene, das absichtlich Gekünstelte, das kümmerlich Geflickte. Ein solcher Einblick ist aber alsdann nur möglich, wenn eine Mauer nach der andern, ein Gewölbe nach dem andern fällt und der Schutt, soviel sich tun läßt, auf der Stelle hinweggeräumt wird. Dieses zu leisten und womöglich den Platz zu ebenen, die gewonnenen Materialien aber so zu ordnen, dass sie bei einem neuen Gebäude wieder benutzt werden können, ist die beschwerliche Pflicht, die wir uns in diesem zweiten Teil auferlegt haben. ...
Der dritte Teil bleibt daher historischen Untersuchungen und Vorarbeiten gewidmet. Äußerten wir oben, dass die Geschichte des Menschen den Menschen darstelle, so läßt sich hier auch wohl behaupten, dass die Geschichte der Wissenschaft die Wissenschaft selbst sei. Man kann desjenige, was man besitzt, nicht rein erkennen, bis man das, was andre vor uns besessen, zu erkennen weiß. ...
Mit gedachtem dritten historischen Teil ist jedoch noch nicht alles getan. Wir haben daher noch einen vierten supplementaren hinzugefügt. Dieser enthält die Revision, um derentwillen vorzüglich die Paragraphen mit Nummern versehen worden.... Sodann enthält dieser Band noch einige einzelne Aufsätze, z.B. über die atmosphärischen Farben, welche, indem sie in dem Entwurf zerstreut vorkommen, hier zusammen und auf einmal vor die Phantasie gebracht werden.
DIDAKTISCHER TEIL
Einleitung
Die Lust zum Wissen wird bei dem Menschen zuerst dadurch
angeregt, dass er bedeutende Phänomene gewahr wird, die seine Aufmerksamkeit
an sich ziehen. ...
Der Versuch, die Farbenerscheinungen auf- und zusammenzustellen, ist nur
zweimal gemacht worden, das erstemal von THEOPHRAST, sodann von BOYLE.
Dem gegenwärtigen wird man die dritte Stelle nicht streitig machen....
Gegenwärtig sagen wir nur so viel voraus, daß zur Erzeugung
der Farbe Licht und Finsternis, Helles und Dunkles oder, wenn man sich
einer allgemeineren Formel bedienen will, Licht und Nichtlicht gefordert
werde. Zunächst an Licht entsteht uns eine Farbe, die wir Gelb nennen,
eine andere zunächst an der Finsternis, die wir mit dem Worte Blau
bezeichnen. Diese beiden, wenn wir sie in ihrem reinsten Zustand dergestalt
vermischen, dass sie sich völlig das Gleichgewicht halten, bringen
eine dritte hervor, welche wir Grünen heißen. Jene beiden ersten
Farben können aber auch jede an sich selbst eine neue Erscheinung
hervorbringen, indem sie sich verdichteten oder verdunkeln.
Sie erhalten ein rötliches Ansehen, welches sich bis auf einen so
hohen Grad steigern kann, daß man das ursprüngliche Blau und
Gelb kaum hierin mehr erkennen mag....
Am freundlichsten sollte der Physiker uns entgegenkommen, da wir ihm die
Bequemlichkeit verschaffen, die Lehre von den Farben in die Reihe aller
übrigen elementaren Erscheinungen vorzutragen und sich dabei einer
übereinstimmenden Sprache, ja fast derselben Worte und Zeichen wie
unter den übrigen Rubriken zu bedienen. Freilich machen wir ihm,
insofern er Lehrer ist, etwas mehr Mühe: denn das Kapitel von den
Farben läßt sich künftig nicht wie bisher mit wenigen
Paragraphen und Versuchen abtun; auch wird sich der Schüler nicht
leicht zu frugal, als man ihn sonst bedienen möge, ohne Murren abspeisen
lassen. Dagegen findet sich später in ein anderer Vorteil. Denn wenn
die Newtonischen Lehre leicht zu lernen war, so zeigten sich bei ihrer
Anwendung unüberwindliche Schwierigkeiten. Unsere Lehre ist vielleicht
schwerer zu fassen, aber Wellen ist auch alles getan: denn sie führt
ihre Anwendung mit sich....
Sinnlich-sittliche
Wirkung der Farbe
759.
Die Menschen empfinden im allgemeinen eine große Freude an der Farbe.
Das Auge bedarf ihrer, wie es des Lichtes bedarf. Man erinnerte sich der
Erquickung, wenn an einem trüben Tage die Sonne auf einen einzelnen
Teil der Gegend scheint und die Farben da selbst sichtbar macht. Dass
man den farbigen Edelsteinen wie Heilkräfte zuschrieb, mag aus dem
tiefen Gefühl dieses unaussprechlichen Behagens entstanden sein.
764.
Die Farben von der Plusseite sind Gelb, Rotgelb (Orange), Gelbrot (Mennig,
Zinnober). Sie stimmen regsam, lebhaft, strebend.
777.
Die Farben von der Minusseite sind Blau, Rotblau und Blaurot. Sie stimmen
zu einer unruhigen, weichen und sehnenden Empfindung.
801.
Wenn man Gelb und Blau, welche wir als die ersten und einfachsten Farben
ansehen, gleich bei ihrem ersten Erscheinen, auf der untersten Stufe ihrer
Wirkung zusammenbringt, so entsteht diejenige Farbe, welche wir Grün
nennen.
839.
Man bezieht bei Kleidungen den Charakter der Farbe auf den Charakter der
Personen. So kann man das Verhältnis der einzelnen Farben und Zusammenstellungen
zu Gesichtsfarbe, Alter und Stand beobachten
840.
Die weibliche Jugend hält auf Rosenfarb und Meergrün, das Alter
auf Violett und Dunkelgrün. Die Blondine hat zu Violett und Hellgelb,
die Brünette zu Blau und Gelbrot Neigung, und sämtlich mit Recht.
Die römischen Kaiser waren auf den Purpur höchst eifersüchtig.
Die Kleidung des chinesischen Kaisers ist Orange mit Purpur. Zitronengelb
dürfen auch seine Bedienten und die Geistlichen tragen.
841.
Gebildete Menschen haben einige Abneigung vor Farben. Es kann dieses teils
aus Schwäche des Organs, teils aus Unsicherheit des Geschmacks geschehen,
die sich gern in das völlige Nichts flüchtet. Die Frauen gehen
nunmehr fast durchgängig weiß und die Männer schwarz.
Als
ich mich nun von Seiten der Physik den Farben zu nähern gedachte,
las ich in irgendeinem Kompendium das hergebrachte Kapitel, und weil ich
aus der Lehre, wie sie da stand, nichts für meine Zwecke entwickeln
konnte, so nahm ich mir vor, die Phänomene wenigstens selbst zu sehen,
zu welchen Hofrat Büttner, der von Göttingen nach Jena gezogen
war, den nötigen Apparat mitgebracht und mir ihn nach seiner freundlich
mitteilenden Weise zugleich angeboten hatte. Es fehlte nur also noch an
einer dunklen Kammer, die durch einen wohlverschlossenen Fensterladen
bewirkt werden sollte....
Eben befand ich mich in einem völlig geweißten Zimmer; ich
erwartete, als ich das Prisma vor die Augen nahm, eingedenk der Newtonischen
Theorie, die ganze weiße Wand nach verschiedenen Stufen gefärbt,
dass von da ins Auge zurückkehren Licht in so viel farbige Lichter
zersplittern zu sehen.
Aber wie verwundert war ich, als die durchs Prisma angeschaute weiße
Wand nach wie vor weiß blieb, dass nur da, wo ein dunkles dranstieß,
sich eine mehr oder weniger entschiedene Farbe zeigte, dass zuletzt die
Fensterstäbe am allerlebhaftesten farbig erschienen, indessen am
lichtgrauen Himmel draußen keine Spur von Färbung zu sehen
war. Es bedurfte keiner langen Überlegung, so erkannte ich, dass
eine Grenze notwendig sei, um Farben hervorzubringen, und ich sprach wie
durch einen Instinkt sogleich vor mich laut aus, dass die Newtonische
Lehre falsch sei. Nun war an keine Zurücksendung der Prismen mehr
zu denken. Durch mancherlei Überlegungen und Gefälligkeiten
suchte ich den Eigentümer zu beruhigen, welches mir auch gelang.
Ich vereinfachte nunmehr die mir in Zimmern und im Freien durchs Prisma
vorkommenden zufälligen Phänomene und erhob sie, indem ich mich
bloß schwarzer und weißer und Tafeln bediente, zu bequemen
Versuchen.
Da
ich in solchen Dingen keine Erfahrung hatte und mir kein Weg bekannt war,
auf dem ich hätte sicher fortwandeln können, so versuchte ich
einen benachbarten Physiker, die Resultate dieser Vorrichtungen zu prüfen.
Ich hatte ihn vorher bemerken lassen, daß sie mir Zweifel in Absicht
auf die Newtonische Theorie erregt hätten, und hoffte sicher, dass
der erste Blick auch in ihm die Überzeugung, von der ich ergriffen
war, aufregen würde. Allein wie verwundert war ich, als er zwar die
Erscheinungen in der Ordnung, wie sie ihm vorgeführt wurden, mit
Gefälligkeit und Beifall aufnahm, aber zugleich versicherte, dass
diese Phänomene bekannt und aus der Newtonischen Theorie vollkommen
erklärt seien...
Ich war nunmehr auf mich selbst zurückgewiesen...
Unter den Gelehrten, die mir von Ihrer Seite Beistand leisteten, zähle
ich Anatomen, Chemiker, Literatoren, Philosophen wie Loder, Sömmerring,
Göttling, Wolf, Forster, Schelling, hingegen keinen Physiker.