



Komplementarität bei Doppelspaltexperimenten
Die Unbestimmtheit
von Quantenobjekten kann man als zentralen Wesenszug der Quantenphysik
ansehen. Führt man z.B. mit Elektronen Doppelspalt-Experimente durch,
dann ergeben sich am Einzelspalt Verteilungen, wie sie auch in der Optik
bei Licht registriert werden (Bild 2 oben). Wenn man beide Spalte öffnet,
erwartet man, dass das Quantenobjekt entweder durch den einen oder den
anderen Spalt geht und sich damit eine Verteilung ergibt, die der Summe
der beiden Einzelspaltmuster entspricht (Bild 2 unten links). Stattdessen
erhält man ein Interferenzmuster, wie es aus der Optik vom Doppelspalt
her bekannt ist (Bild 2 unten rechts). Diese Ergebnisse lassen sich so
zusammenfassen:
Die Vorstellung, dass die Quantenobjekte beim Doppelspaltversuch durch den einen oder den anderen Spalt gehen, ist falsch. Durch welchen Spalt das Quantenobjekt beim Doppelspaltversuch geht, ist objektiv unbestimmt.
Auch an anderen Beispielen zeigt sich, dass jede anschauliche Vorstellung darüber, wie ein Quantenobjekt von einer Quelle zu einem Detektor kommt, zu Widersprüchen führt. Das ist kein Widerspruch zu der Erkenntnis, dass Messungen an unbestimmten Zuständen zu eindeutigen Messergebnissen führen.
Das Komplementaritätsprinzip
Die bohrsche Formulierung war bereits oben genannt:
"Die Begriffe Teilchen und Welle ergänzen sich, indem sie sich
widersprechen; sie sind komplementäre Bilder des Geschehens."
Man kann es, wenn man von den oben beschriebenen Versuchen mit Spalten
ausgeht, auch folgendermaßen formulieren:
Die Beobachtung eines Interferenzmusters und
"Welcher-Spalt-Information" schließen sich aus.
Neuere Experimente zur Unterscheidbarkeit
In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts konnten aufgrund der fortgeschrittenen
Experimentiertechnik mehrere neuartige
Experimente durchgeführt werden, die bis dahin nur als Gedankenexperimente
existierten. Einige dieser Experimente werden nachfolgend beschrieben.
Beugung von Atomen an einer stehenden Lichtwelle
nach PFAU et al.
Die stehende Lichtwelle wirkt auf die Atome wie ein Gitter. Die Frequenz
der Lichtwelle kann verändert werden. Wenn die Frequenz der Lichtwelle
mit einer Anregungsfrequenz der Atome übereinstimmt, kann ein Photon
angeregt und wieder ausgestrahlt werden.
Messergebnisse für die Beugung
von Atomen an einer stehenden Lichtwelle
Wenn die Lichtfrequenz nicht gerade einer Anregungsfrequenz der Atome
entspricht, wird auch kein Photon wieder ausgestrahlt. Man hat keine "Welcher-Weg"-Information,
das Interferenzmuster ist gut zu beobachten (gepunktete Linie).
Wird aber die Lichtfrequenz auf eine Anregungsfrequenz der Atome abgestimmt,
so kann das Photon wieder ausgestrahlt werden. Je nachdem, wohin dies
geschieht, kann man auf die Realisierung einer der Möglichkeiten
schließen. Um dies festzustellen, könnte man z.B. Detektoren
aufstellen, die die emittierten Photonen lokalisieren. Es ist aber gar
nicht nötig, die "Welcher-Weg"-Information tatsächlich
zu ermitteln. Es genügt, wenn sie aus den Photonen erhalten werden
kann.
Das Interferenzmuster mit Photonenanregung (durchgezogene Linie) ist nicht
ganz verschwunden. Dies liegt daran, dass sich nur etwa die Hälfte
der Atome nach dem Lichtgitter im angeregten Zustand befindet. Die andere
Hälfte ist im Grundzustand und kann deshalb auch kein Photon emittieren,
das eine "Welcher-Weg"-Information trägt.
Atom-Interferometer mit zwei stehenden
Lichtwellen nach DÜRR et al. (schematisch)
Wenn Atome schräg auf eine stehende Lichtwelle auftreffen, wirkt
die Lichtwelle wie ein Strahlteiler für Photonen. Somit gibt es für
ein Atom, das im linken Strahl ankommt zwei klassisch denkbare Möglichkeiten
anzukommen, A-B-D und A-C-E. (Ebenso gibt es für den rechten Strahl
die Möglichkeiten A-C-G und A-B-F.) Wenn die Möglichkeiten nicht
unterscheidbar sind, erwartet man ein Interferenzmuster, ansonsten keines.
Messergebnis ohne "Welcher-Weg"-Information
für das Atom-Interferometer mit zwei stehenden Lichtwellen
Ohne weitere Maßnahmen zur Unterscheidung der beiden Möglichkeiten
erhält man ein Interferenzmuster (hier bestehend aus nur zwei Maxima
innerhalb der Atomstrahlbreite).
Messergebnisse mit "Welcher-Weg"-Information
das Atom-Interferometer mit zwei stehenden Lichtwellen
Wenn man die Möglichkeiten durch Anregung der Atome mit Mikrowellenphotonen
unterscheidbar macht, beobachtet man kein Interferenzmuster mehr.