Was
ist eine Lichtmühle?
Der britische Chemiker und Physiker WILLIAM CROOKES (1832-1919) erfand im
Jahr 1873 ein Radiometer,
mit dem er glaubte, den Lichtdruck nachweisen zu können. Es besteht
aus einer evakuierten Glaskugel mit einem drehbar gelagerten vierflügeligen
Rad darin, das sich bei Bestrahlung mit Licht oder Wärme dreht. Man
spricht deshalb auch von einer Lichtmühle (Bild 1).
Ein dekorativer Schmuck
Vor allem in den Glasbläsereien von Thüringen werden sie hergestellt
und als Fensterschmuck verkauft, aber auch in Optikerläden sind sie
gelegentlich zu finden: Lichtmühlen sind kunstvoll gefertigte Glaskugeln
von einigen Zentimetern Durchmesser, in deren Innerem sich ein beweglich
aufgehängtes Kreuz mit vier Flügeln befindet, das sich im Licht
dreht. Es gibt sie in vielerlei Varianten. Die Lichtmühle wurde vor
etwa 125 Jahren erfunden und ist auch unter dem Namen ihres Erfinders
als crookessches Radiometer
bekannt. Allerdings war diese Erfindung für CROOKES keineswegs eine
technische Spielerei, wenngleich sie schon damals von der Öffentlichkeit
mit Faszination bewundert wurde. Sogar Königin VIKTORIA soll begeistert
gewesen sein, als sie 1876 einige Wissenschaftler zu sich einlud und sich
unter anderem die Funktion des crookesschen Radiometers demonstrieren
ließ.
Wie groß ist der Druck des Lichts?
Der britische Physiker und Chemiker Sir WILLIAM CROOKES (1832-1919) hatte
1861 das Element Thallium entdeckt und war durch seine Untersuchungen
von elektrischen Entladungen in verdünnten Gasen bekannt geworden.
Er beschäftigte sich auch mit den Eigenschaften von Licht und wollte
dessen Druck nachweisen. Im Jahre 1873 veröffentlichte er einen Bericht
über die Erfindung eines Radiometers, also eines Geräts zum
Nachweis und zur Messung von Strahlung. Der Aufbau dieses Geräts,
das heute kunstgewerblich als physikalisches Spielzeug hergestellt wird,
ist immer noch der gleiche, den auch CROOKES verwendete: In einer Glaskugel
befindet sich ein auf einer Spitze drehbar gelagertes Kreuz, dessen Enden
je ein meist rautenförmiges, leichtes Glimmerplättchen tragen.
Die Auflagefläche des Kreuzes muss möglichst klein sein, um
die Reibung gering zu halten. Eine Seite jedes Plättchens ist geschwärzt,
die andere ist hell und glatt poliert. Die Seiten sind so angeordnet,
dass jeweils die schwarze Seite des einen Flügels der weißen
Seite des nächsten zugewandt ist. Das Glasgefäß wird auf
einen Druck von etwa 0,05 Millibar evakuiert - das war zu Crookes' Zeiten
nahe dem niedrigsten überhaupt erreichbaren Druck - und dann zugeschmolzen.
Wird dieses Radiometer nun einer Licht- oder Wärmestrahlung ausgesetzt,
so fängt das Flügelkreuz an zu rotieren. CROOKES glaubte, auf
diese Weise den Strahlungsdruck
nachgewiesen zu haben.
Die Strahlung wird auf der schwarzen Seite absorbiert, auf der hellen
Seite reflektiert. Der ausgeübte Druck ist also unterschiedlich,
und dadurch, so CROOKES, kommt die Drehbewegung zustande. Doch leider
stellte sich diese Erklärung als falsch heraus.
Der Grundgedanke, nämlich dass das Licht auf den schwarzen Flächen
absorbiert und auf den weißen reflektiert wird, ist völlig
richtig. Doch was daraus folgt, muss man sich etwas genauer anschauen:
Das Licht, das ja bekanntermaßen sowohl Teilcheneigenschaften wie
auch Welleneigenschaften aufweist, hat einen bestimmten Impuls. Beim Auftreffen
eines Photons
auf die schwarze Seite wird sein Impuls
auf diese Seite übertragen. Ein Teilchen jedoch, das auf die helle
Seite stößt, hat nach der Reflexion den entgegengesetzten Impuls.
Die Impulsänderung ist doppelt so groß wie der ursprüngliche
Impuls. Da der Gesamtimpuls des Systems konstant bleibt, wird von einem
Lichtteilchen auf die weiße Fläche also ein Impuls in der Größe
der Impulsänderung übertragen, mithin doppelt so viel wie auf
die schwarze. Da im Mittel gleich viele Teilchen auf die helle wie auf
die dunkle Fläche treffen, wird also eine stärkere Kraft auf
die weißen Flügelseiten ausgeübt, sodass sich die Lichtmühle
mit den schwarzen Seiten voraus drehen müsste.
Was wir aber beobachten können, ist eine Drehung in die umgekehrte
Richtung. CROOKES hatte sich also geirrt, seine Argumentation konnte die
beobachtete Drehbewegung nicht erklären. Doch zunächst wurde
seine Erklärung von den meisten Wissenschaftlern akzeptiert, wenn
auch der englische Physiker JAMES CLARK MAXWELL (1831-1879) äußerte,
er habe einen geringeren Lichtdruck vermutet.
Die Suche nach einer Erklärung
Der Irrtum wurde dann aber bald entdeckt, und sehr schnell gab es neue
Erklärungsversuche. Dass das Rädchen bei intensiver Strahlung
schneller läuft als bei schwacher, hätte auch CROOKES' Modell
erklären können. Doch man kann auch beobachten, dass die Lichtmühle
bei Sonnenbestrahlung oder beim Licht einer hellen Glühlampe besser
funktioniert als bei Neonlicht. Der Grund: Sonne und Glühlampe haben
einen hohen Anteil an Infrarot-, also Wärmestrahlung.
Sogar mit reiner Wärmestrahlung lässt sich eine Lichtmühle
betreiben. Wie CROOKES schon richtig erkannte, wird die Strahlung auf
der hellen Seite reflektiert und auf der schwarzen Seite absorbiert, also
aufgenommen. Dadurch erwärmen sich die schwarze Seite und die davor
befindliche Luft stärker als auf der weißen Seite. Die Teilchen
eines Gases sind ständig in Bewegung, und je höher die Temperatur,
desto schneller bewegen sie sich. Da nun die Teilchen in der Nähe
der dunklen Fläche im Mittel schneller sind als die vor der hellen
Fläche, wird bei den Stößen auf die dunkle Fläche
auch durchschnittlich eine größere Kraft auf das Plättchen
ausgeübt. Auf diese Weise versuchte man damals eine Drehung im beobachteten
Sinne zu erklären, und die Erklärung war im Prinzip sogar richtig.
Allerdings hatte man das Phänomen noch nicht systematisch untersucht
- das blieb den deutschen Wissenschaftlern O. HETTNER, W. WESTPHAL und
W. GERLACH in den 1920er Jahren des 20. Jahrhunderts vorbehalten -, und
so regte sich Widerspruch.
MAXWELL beispielsweise argumentierte:
"Beim Erwärmen eines Gases dehnt sich das Gas entweder aus, oder - in einem geschlossenen Raum - es steigt der Druck. Man stelle sich nun Folgendes vor: Ein Licht neben einer Lichtmühle wird eingeschaltet, und die schwarze Fläche beginnt sich langsam zu erwärmen. Die Luftschicht direkt davor erwärmt sich ebenfalls. Es ist nun leicht einzusehen, dass sich hier kein Druck aufbauen kann, während an anderen Stellen der Glaskugel, also vor der weißen Plättchenseite, wo es kühler ist, noch der ursprüngliche, niedrige Druck herrscht. Selbstverständlich wird sich das Gas sehr schnell ausdehnen, sodass der Druck in der gesamten Glaskugel gleich wird. Wir haben also in der Glaskugel unterschiedliche Temperaturen, ebenso unterschiedliche Dichten, aber überall den gleichen Druck! So kann das Flügelrad nicht in Bewegung geraten."
1879, also sechs Jahre nach CROOKES' Erfindung, legte der britische Physiker
OSBORNE REYNOLDS (1842-1912), der sich mit Hydrodynamik und Strömungslehre
befasste, eine neue Erklärung vor. Er hatte einen Effekt an porösen
Festkörpern gefunden, den er "thermal transpiration" nannte:
Hat der poröse Körper auf beiden Seiten unterschiedliche Temperaturen,
so strömt ein Gas durch den Körper hindurch immer in Richtung
der wärmeren Seite. Herrscht auf beiden (abgeschlossenen) Seiten
zunächst der gleiche Druck, so stellt sich nach einiger Zeit ein
Gleichgewicht ein, bei dem das Verhältnis der Drücke auf den
beiden Seiten gleich der Quadratwurzel aus dem Verhältnis der absoluten
(also in Kelvin gemessenen) Temperaturen ist. Diese Beobachtung übertrug
er nun auf die crookessche Lichmühle. Da deren Flügel aber nicht
porös sind, dürfen nach REYNOLDS nur die Kanten betrachtet
werden. Doch hier zeigt sich genau derselbe Effekt: Das Gas strömt
von der kälteren zur wärmeren Fläche, es kriecht also gewissermaßen
um die Kanten von der kälteren hellen Seite zur warmen schwarzen
Seite und schiebt damit den Flügel in die Gegenrichtung. Aus dem
Gasstrom resultiert eine Drehbewegung der Plättchen, und zwar mit
den hellen Seiten voraus.
Damit konnte sich selbst der kritische MAXWELL zufriedengeben. Allerdings
hatten sowohl MAXWELL als auch REYNOLDS eines nicht bedacht: Der Druck
in der von CROOKES gebauten Lichtmühle war so gering, dass sich die
beschriebenen Strömungseffekte und auch ein Druckausgleich in der
gesamten Glaskugel gar nicht ausbilden konnten!
Mit System zum Ziel
In den 1920er Jahren beschäftigten sich die Physiker O. HETTNER,
W. WESTPHAL und W. GERLACH erneut mit der Lichtmühle, und zwar sollte
ein Gerät gefunden werden, das es gestattet, die Intensität
von Lichtstrahlung genau zu messen - eben ein Radiometer.
Die crookessche Lichtmühle in ihrer ursprünglichen Form war
für systematische und genaue Untersuchungen zu grobschlächtig.
Daher verwendeten HETTNER, WESTPHAL und GERLACH ein aus zwei leichten
Flügeln bestehendes, an einem Quarzfaden aufgehängtes und mit
einem Drehspiegel versehenes System (die crookessche Lichtmühle hat
vier Flügel). Der eine Flügel war einseitig geschwärzt,
der andere diente nur als Gegengewicht; der Drehspiegel war so klein und
leicht, dass er keine störende Wirkung ausübte. Das Ganze war
in einem evakuierten Glaskolben untergebracht. Ein feiner Lichtstrahl
fiel auf den Drehspiegel, wurde reflektiert und traf in einiger Entfernung
auf eine Messskala. Solange die Flügel dieses Radiometers nicht mit
sichtbarem Licht oder Infrarotlicht bestrahlt wurden, blieb der Lichtpunkt
an einer bestimmten Stelle der Messskala. Der "Radiometereffekt",
also die Drehung des Flügelsystems nach Einstrahlung von Licht, konnte
an der Wanderung des Lichtpunkts auf der Skala abgelesen werden. Wie die
Untersuchungen zeigten, hing der Radiometereffekt deutlich vom Gasdruck
ab, der im Glaskolben herrschte. Eine entscheidende Größe ist
dabei die freie Weglänge, also die Strecke, die ein Gasmolekül
zurücklegen kann, bevor es mit einem anderen Gasteilchen zusammenstößt.
Bei geringer Gasdichte (Vakuum) besitzt ein Gas eine große freie
Weglänge, bei hoher Dichte ist die freie Weglänge klein.
Die Erklärung - nicht ganz einfach
Die Experimente ergaben nun Folgendes: Wenn die Gasdichte klein ist, die
freie Weglänge also in der Größenordnung der Dimensionen
der Radiometerflügel liegt, wächst der Radiometereffekt proportional
mit dem Druck. Bei großer Gasdichte (Weglänge klein gegenüber
den Radiometerdimensionen) dagegen nimmt der Effekt mit dem Druck ab.
Dazwischen liegt ein Maximum des Radiometereffekts. Die Wirkungsweise
des Radiometers in den beiden Grenzfällen (niedrige bzw. hohe Gasdichte)
ist gänzlich verschieden.
Bei niedriger Gasdichte - und das trifft auch auf die crookessche Lichtmühle
zu - ist die Zahl der Gasmoleküle, die pro Sekunde auf die Radiometerflügel
prallen, auf der bestrahlten Seite ebenso groß wie auf der unbestrahlten
Seite. Da aber die auf der bestrahlten, heißeren Seite auftreffenden
Moleküle mit größerer Geschwindigkeit reflektiert werden
(da sie etwas von der Energie der erwärmten Fläche übernehmen)
als ihre Gegenspieler auf der Rückseite, erfährt das Flügelchen
einen Rückstoß in Richtung des Gebiets der niedrigeren Temperatur,
von der geschwärzten zur ungeschwärzten Seite hin: Das System
dreht sich. Dabei ist es ganz egal, von welcher Seite die Strahlung einfällt,
denn eine Aufheizung erfährt immer nur die geschwärzte Seite,
weil sie die Strahlung absorbiert. Je stärker die Strahlung ist,
desto größer ist der Radiometereffekt. Das bedeutet, ein solches
System eignet sich in der Tat zur Messung der Intensität einfallenden
Lichts.
Es zeigte sich damit auch, dass die Verhältnisse in einem evakuierten
Radiometer - und daher in der crookesschen Lichtmühle - genau anders
herum waren, als sie von MAXWELL angenommen worden waren: Die Dichte ist
in einem solchen System überall gleich, aber die Gasdrücke auf
der geschwärzten und ungeschwärzten Seite eines Flügels
sind sehr unterschiedlich. Zu einem Druckausgleich kann es nicht kommen,
denn er würde voraussetzen, dass die Gasteilchen miteinander in Wechselwirkung
treten; das aber ist so gut wie ausgeschlossen, weil die freie Weglänge
dafür zu groß ist. Bevor ein Gasteilchen auf ein anderes trifft,
ist es bereits mit dem Flügel des Radiometers und mit den Wänden
des Glaskolbens zusammengestoßen!
Um ein Vielfaches komplizierter ist die Funktionsweise eines Radiometers
bei hoher Gasdichte. Hier spielt das Temperaturgefälle entlang eines
Flügels eine große Rolle, und es können in der Tat Strömungserscheinungen
auftreten, wie sie REYNOLDS angenommen hat. In solchen hettnerschen Radiometern
sind die Flügel doppelt ausgeführt, das heißt, zwei Flügelflächen
stehen sich gegenüber, wobei die eine fest montiert ist, während
die andere sich bewegen kann. Es kommt nicht zu einer Drehung des Systems,
sondern lediglich zu einer kleinen Auslenkung. Eine Rolle spielen (aus
heutiger Sicht: spielten) diese Radiometer nur in der Wissenschaft. Mit
der crookesschen Lichtmühle haben sie nicht mehr viel gemein.
Die crookessche Lichtmühle war ein Gerät, dessen Prinzip die
Basis für Radiometer bildete, mit denen die Intensität von Licht-
und Infrarotstrahlung gemessen werden konnte. Doch CROOKES' ursprünglicher
Gedanke, die Frage nach dem Strahlungsdruck, war noch nicht geklärt.
Das ließ die Forscher nicht ruhen. Kann eine der Lichtmühle
ähnliche Apparatur allein durch den Strahlungsdruck von Licht angetrieben
werden?
Es funktioniert in der Tat. Erstmals gelang es dem russischen Physiker
PJOTR LEBEDEW (1866 bis 1912) im Jahre 1901, später führten
auch ERNEST NICHOLS und GORDON HILL den Versuch erfolgreich durch. Für
dieses äußerst schwierige Experiment ist ein wesentlich stärkeres
Vakuum erforderlich, damit der Luftwiderstand bei der Drehung geringer
ist. Um den Drehwiderstand zu verringern, wurden die Flügel an einem
dünnen Faden aufgehängt, und ein Überzug aus Glas verhinderte,
dass Material von den Flügeln verdampfte ("ausgaste") und
so das Vakuum verschlechterte. Tatsächlich bewegt sich die so modifizierte
Lichtmühle dann bei Bestrahlung wie vorhergesagt in Richtung der
schwarzen Seiten.