


Zwischen der Entwicklung
der Physik als Wissenschaft und der Entwicklung der Gesellschaft existieren
vielfältige Wechselwirkungen. Dabei wollen wir unter Physik
die Naturwissenschaft
verstehen, die die Gesetze der Struktur, der Bewegung und der Entwicklung
in der unbelebten Natur erforscht, wobei wir die forschenden Personen in
den Begriff mit einbeziehen.
Mit Gesellschaft meinen wir
die Gesamtheit der jeweiligen Lebens- und Arbeitsbedingungen mit den sozialen
Beziehungen der Menschen, ihren Wechselbeziehungen und den staatlichen und
sonstigen Strukturen, die bestehen.
Was erkennen wir?
Diese scheinbar simple Frage ist nicht nur von wissenschaftstheoretischer
Bedeutung, sondern hat auch Einfluss auf das Verhältnis der Physik
zur Gesellschaft.
Die einfachste und von den meisten unbesehen akzeptierte Auffassung für
den Bereich der unbelebten Natur und damit den Gegenstandsbereich der
Physik ist die (naive) Meinung, dass uns unsere Sinnesorgane ein zutreffendes
Bild von der uns umgebenden Welt, der Realität, liefern. Dieser naive
Realismus versagt aber schnell, wenn man z.B. an den Bereich des Atombaus
oder an die Quantentheorie denkt. Man sollte deshalb vorsichtiger formulieren:
In der Physik machen wir uns ein Bild von der Welt und ihren Objekten, das vom gegenwärtigen Erkenntnisstand geprägt ist.
Ob dieses Bild richtig oder falsch, vollständig oder unvollständig ist, wird erst die weitere Entwicklung zeigen. Dass wir aber am Ende der Erkenntnisgewinnung angekommen seien, ist eine ebenso naive wie durch die Wissenschaftsgeschichte vielfach widerlegte Auffassung. Auch die vielfältigen Anwendungen der Physik mit ihren gesellschaftlichen Auswirkungen beruhen auf dem jeweiligen Erkenntnisstand.
Paradigmen und Paradigmenwechsel
In der gesamten Wissenschaftsgeschichte
ist immer wieder eine enge Verbindung zwischen den jeweils dominierenden
philosophischen Strömungen und den erkenntnistheoretischen (wissenschaftstheoretischen)
Positionen feststellen, die in der Wissenschaft vorherrschend waren oder
sind. Sie führten immer wieder zu einem bestimmten Denkmuster
oder Paradigma, das für
eine bestimmte Zeit vorherrschend war.
So bestand z.B. viele Jahrhunderte die ptolemäische Auffassung, dass
die Erde im Zentrum der Welt steht und sich alle anderen Himmelskörper
um sie herum bewegen (geozentrisches
Weltbild). Das stimmte auch mit den Auffassungen des berühmten
ARISTOTELES überein, dass sich schwere Körper zur Weltmitte
hin bewegen. Die Erde war damals für die Menschen der schwerste bekannte
Körper, musste sich also in der Weltmitte befinden. Dieses Weltbild
war auch durchaus erfolgreich, denn es war damit möglich, Sonnen-
und Mondfinsternisse oder die Positionen von Planeten und Fixsternen richtig
vorherzusagen. Und trotzdem war es falsch. Unstimmigkeiten zwischen Theorie
und Beobachtung stellten aber zunächst nicht das System infrage,
sondern führten zu seiner Verfeinerung, bis schließlich die
kopernikanische Wende
mit einem neuen Weltbild (heliozentrisches
Weltbild) zu einer neuen Theorie führte, mit der ungeklärte
Fragen beantwortet werden konnten.
Ein solcher gravierender Wechsel eines Denkmusters, der das wissenschaftliche Weltbild einer Zeit prägt, wird als Paradigmenwechsel bezeichnet. Die geschichtliche Entwicklung der Physik und auch anderer Wissenschaften zeigt:
Die Geschichte der Wissenschaft ist eine Folge von Paradigmenwechseln.
Es gibt dafür zahlreiche Beispiele, von denen nur noch zwei markante aus der neueren Physikgeschichte genannt seien:
Dabei ist zu beachten: Ein Paradigmenwechsel, also ein Wechsel von Denkmustern, setzt sich auch in solchen exakten Wissenschaften wie der Physik nicht kurzzeitig durch, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg. Recht drastisch formulierte das MAX PLANCK (1858-1947) mit Blick auf die Quantentheorie:
"Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, daß ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, daß die Gegner allmählich aussterben und daß die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist."
Es ist auch zu beachten: Besteht ein bestimmtes Denkmuster, so haben andere Auffassungen kaum eine Chance sich durchzusetzen. Auch dafür gibt es in der Geschichte der Physik zahlreiche Beispiele. Es seien hier nur zwei genannt.
Philosophische Strömungen und
Physik
Physikalische Forschung war immer eng mit philosophischen, insbesondere
erkenntnistheoretischen Fragen verbunden. Die jeweils herrschenden Philosophien
beeinflussten auch immer die Arbeit derjenigen, die sich mit naturwissenschaftlichen
Fragestellungen beschäftigten. Das gilt für die verschiedenen
idealistischen Strömungen ebenso wie für die unterschiedlichen
materialistischen Spielarten.
Anknüpfend an die griechische
Naturphilosophie war jahrhundertelang der Empirismus
dominierend. Darunter versteht man die philosophische Grundüberzeugung,
dass sämtliches Wissen ausschließlich auf der Erfahrung und
auf dem beruht, was wir mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen.
Die Hauptströmungen im 20. Jahrhundert waren der dialektische Materialismus,
der Positivismus und der kritische Rationalismus.
Der von KARL MARX (1818-1883) und FRIEDRICH ENGELS (1820-1895) begründete dialektische Materialismus verband eine materialistische Grundauffassung (Die Materie ist gegenüber dem Bewusstsein das Primäre, das Grundlegende, das Bestimmende) mit der Dialektik, d.h. den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur und Gesellschaft sowie des Denkens, die vor allem von dem deutschen Philosophen FRIEDRICH HEGEL (1770-1831) formuliert wurden, allerdings auf idealistischer Grundlage. Der dialektische Materialismus war in der Sowjetunion und in den zum sowjetischen Lager gehörenden Ländern die dominierende und einzig akzeptierte Theorie, aus der sich die verbindlichen erkenntnistheoretischen Positionen ergaben.
Der Positivismus, genauer der logische Positivismus, knüpft an den Empirismus an und gewann vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen größeren Einfluss auf das theoretische Denken in den Naturwissenschaften. Ausgangspunkt dieser subjektiv-idealistischen Strömung war der sogenannte Wiener Kreis, zu dem u.a. M. SCHLICK, R. CARNAP, O. NEURATH und H. FEIGL gehörten. Ein ähnlicher Kreis bildete sich in Berlin um H. REICHENBACH. In ihren theoretischen Auffassungen gingen diese Positivisten wesentlich von D. HUME aus und vertraten folgende Grundpositionen, die nachfolgend stark verkürzt und mitunter vereinfacht wiedergegeben werden:
Als Gegenposition zum logischen Positivismus entwickelte der Philosoph
K. R. POPPER (1904-1994) eine Auffassung, die als kritischer
Rationalismus bezeichnet wird und die die theoretischen Grundpositionen
naturwissenschaftlicher Forschung in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts
stark beeinflusste. POPPER setzte sich dabei vor allem von dem Grundproblem
des Positivismus auseinander, wie aus einer beschränkten Anzahl von
Beobachtungen oder Experimenten allgemeine Gesetze folgen. Insgesamt ist
der Rationalismus dadurch gekennzeichnet, dass die rationale Erkenntnis
und damit das theoretische Denken sehr hoch bewertet und die Bedeutung
der Sinneserkenntnis ignoriert oder zumindest herabgesetzt ist. Davon
ausgehend vertrat POPPER die Auffassung, dass ein induktives Vorgehen
in den Naturwissenschaften nicht begründbar ist und vielmehr ein
deduktives Herangehen
in Verbindung mit einer Falsifizierbarkeit
(Widerlegbarkeit) das angemessene Herangehen in den Naturwissenschaften
sei. Es werden also allgemeine Hypothesen formuliert, die sich empirisch
überprüfen lassen. Die Wahrheit allgemeiner Aussagen über
die Wirklichkeit ist nur in solchen Formulierungen enthalten, die sich
empirisch überprüfen lassen, also z.B. mithilfe von Beobachtungen
oder Experimenten. Einzelne Aussagen über sinnliche Wahrnehmungen
sagen nichts über deren Wahrheit. Daraus resultiert als Konsequenz:
Theorien werden nur dann als wissenschaftlich angesehen und akzeptiert,
wenn es die Möglichkeit ihrer empirischen Überprüfung gibt.
Erkenntnisfortschritt besteht nach POPPER in der ständigen Verbesserung
und Erweiterung eines Bildes der Realität durch Anhäufung (Kumulation)
von Erkenntnissen.
Der amerikanische Wissenschaftstheoretiker T. S. KUHN (1922-1996) setzte
der Auffassung von POPPER über die Kumulation von Erkenntnissen die
sogenannte Paradigmentheorie
entgegen, die den Erkenntnisfortschritt als Folge von Paradigmenwechseln
beschreibt. Dazu sind oben ausführliche Informationen gegeben.
Forschungsschwerpunkte der Physik
und Gesellschaft
Forschungsplanung und
Forschung selbst erfolgen immer
unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen, die ihrerseits
nicht konstant sind, sondern sich ständig ändern. Diese jeweils
herrschenden Verhältnisse beeinflussen in erheblichem Umfange nicht
nur den Umfang der Forschung überhaupt, sondern auch deren Schwerpunktsetzungen.
Ein extremes Beispiel dafür ist die Konzentration auf die kernphysikalische
Forschung und deren technische Nutzung in den USA in den vierziger Jahren
des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der nicht unbegründeten
Furcht, Deutschland könne eine Kernwaffe entwickeln.
Aber auch gegenwärtig wird Forschung in erheblichem Umfange durch die Gesellschaft beeinflusst. Dazu sei auf folgende Zusammenhänge aufmerksam gemacht, die z.T. schematisch in Bild 3 dargestellt sind:
Forschung - national oder international?
Wissenschaft und wissenschaftliche Forschung sind ihrem Wesen nach international,
aber nicht selten national bestimmt.
So wird in der Bundesrepublik Deutschland ein erheblicher Teil der Forschung
durch die Industrie, die einzelnen Bundesländer oder durch den Bund
finanziert und natürlich auch beeinflusst. Wesentlichen Anteil an
der Gestaltung der Forschungslandschaft haben auch eine Reihe nationaler
Organisationen. Als Beispiele seien genannt:
Moderne Forschung ist überaus teuer und aufwändig. Sie wird deshalb in zunehmenden Maße auch international organisiert und finanziert, d.h. an der Organisation der Forschung und ihrer Finanzierung sind eine Reihe von Ländern beteiligt. Zu solchen internationalen Einrichtungen, an denen die Bundesrepublik Deutschland beteiligt ist, gehören z.B.:
Darüber hinaus gibt es zahlreiche Projekte, die international organisiert sind und in unterschiedlicher Weise finanziert werden, z.B. auch durch Stiftungen und durch die Industrie.
Zivile und militärische Forschung
Auf ein Problem sei an dieser Stelle aufmerksam gemacht. Ein nicht unerheblicher
Teil der Forschung erfolgt im militärischer Bereich und ist dadurch
meist besonderen Regeln unterworfen. Dazu gehört die Frage der Geheimhaltung
von Forschungsergebnissen ebenso wie die der Schwerpunktsetzungen, die
häufig der öffentlichen demokratischen Kontrolle entzogen sind.
Extrem unterschiedliche Meinungen gibt es auch zu der Frage, in welchem
Umfange Ergebnisse militärischer Forschungen, wenn sie denn allgemein
zugänglich gemacht werden, auch im zivilen Bereich nutzbar und damit
zugleich auch gesellschaftlich nützlich sind.