









Bedingungen für
das Entstehen von Strukturen
Aus thermodynamischer Sicht geht Strukturbildung in offenen Systemen vor
sich, also in Systemen, bei denen über die Systemgrenze hinweg ein
Transport von Stoff und Energie erfolgen kann. Mit Energie und Stoffen
wird auch Entropie transportiert. Beispiele für solche offenen Systeme
sind tierische oder pflanzliche Zellen, Pflanzen (Bild 2), der Planet
Erde oder ein Mensch.
Analysiert man die Bedingungen für das Entstehen von Strukturen genauer,
so zeigt sich, dass Strukturbildung vorrangig in zwei Bereichen vor sich
geht:
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Strukturen, die sich bei Wärmeabgabe oder tiefen Temperaturen bilden, |
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Strukturen, die fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht entstehen. |
Wir betrachten nachfolgend Beispiele für die
jeweiligen Bereiche und formulieren anschließend jeweils die allgemeinen
Bedingungen und Merkmale.
Strukturbildung
unter Wärmeabgabe
In einem Glas werden bei einer Temperatur von ca. 80 °C in 100 g
Wasser etwa 50 g Kochsalz gelöst. Wird diese Lösung anschließend
auf Zimmertemperatur abgekühlt, so bilden sich an einem Faden, der
in der Flüssigkeit hängt, Salzkristalle (Bild 3). Durch
die Wärmeabgabe verringert sich die kinetische Energie der Natrium-
und Chlorid-Ionen. Wird ein einzelnes Chlorid-Ion betrachtet, so überlagern
sich die abstoßenden Kräfte zwischen diesem und den anderen
ebenfalls negativ geladenen Chlorid-Ionen mit den anziehenden Kräften
zwischen dem Chlorid-Ion und den umgebenden positiv geladenen Natrium-Ionen.
Dadurch entsteht eine Energiepotenzialkurve um dieses
Chlorid-Ion wie auch um jedes andere Ion in der Lösung. Wird die
Lösung immer weiter abgekühlt, so nehmen die benachbarten Ionen
den Ort minimaler potenzieller Energie an (Bild 4). Anziehende und
abstoßende Kräfte sind dann gleich groß. Da diese Energiepotenzialkurve
symmetrisch um das betrachtete Chlorid-Ion verläuft, kommt es zur
Ausbildung regelmäßiger Abstände zwischen einer großen
Anzahl von Ionen. Dadurch wird die Struktur makroskopisch als Kristall
sichtbar. Da sich die Ordnung des Systems während der Kristallbildung
erhöht, bedeutet das eine Verkleinerung der Entropie, also der Unordnung.
Während der Kristallbildung wird Entropie exportiert.
Als Bedingungen für eine weitverbreitete Form von Strukturbildung
kann man formulieren:
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Das betrachtete System gibt Energie in Form von Wärme an die Umgebung ab. |
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Das betrachtete System exportiert Entropie. |
Hat sich das strukturierte System, in unserem Fall
ein Kochsalzkristall, einmal herausgebildet, dann besitzt es die folgenden
charakteristischen Merkmale:
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Das System befindet sich im statischen und thermodynamischen Gleichgewicht. Es erfolgt auch kein Wärmeaustausch mit der Umgebung mehr. Solche Systeme bezeichnet man auch als konservative Systeme. |
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Durch die Gleichgewichtssituation
kommen alle Vorgänge zum Erliegen. Insbesondere ändert sich
die Entropie nicht mehr: ![]() |
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Die Struktur des Systems (Kristallform) ist nur durch ihre Bauelemente (Art der Ionen) vorgegeben und wird sich stets wieder genauso einstellen. |
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Der Vorgang der Kristallbildung ist reversibel, d. h. er kann rückgängig gemacht werden. |
Diese Art der Strukturbildung im thermodynamischen
Gleichgewicht findet man in der Natur recht häufig, z. B. beim
Kondensieren, beim Erstarren oder bei der Bildung von Mineralien, Schneeflocken
und Eiskristallen.
Strukturbildung
fernab vom Gleichgewicht
Wir betrachten auch hier zunächst Beispiele und leiten daraus allgemeine
Merkmale ab.
Schwingung
einer Saite: Mit einem Bogen wird
die Saite einer Geige gestrichen und damit zum Schwingen angeregt. Durch
Reibungseffekte wird dabei dem System Saite Energie zugeführt. Die
Saite wird beschleunigt und zugleich verdrillt. An einem bestimmten Punkt
sind die rücktreibenden Kräfte so groß, dass sie die Haftreibungskraft
überwinden. Die Saite schnellt zurück. Die rücktreibenden
Kräfte werden an einer Stelle kleiner als die Reibungskraft, der
Bogen greift wieder. Obwohl durch das Streichen der Saite dem System gleichförmig
Energie zugeführt wird, stellt sich ein für das System charakteristischer
Schwingungszustand ein, der sich aus einem Anfangszustand aufschaukelt
und dann stabil bleibt (Bild 5). Der Saite wird Energie zugeführt,
die sie als Schallenergie an die Umgebung abgibt.
Strömungen
in erwärmten Flüssigkeiten oder Gasen: Eine flache Flüssigkeitsschicht,
die sich in einem Gefäß befindet, wird von unten erwärmt.
Damit bildet sich eine Temperaturdifferenz zwischen dem unteren und dem
oberen Rand heraus (Bild 6). Bei geringer Temperaturdifferenz wird
Energie durch Wärmeleitung von unten nach oben transportiert. Verstärkt
man die Energiezufuhr, so wächst die Temperaturdifferenz, und das
System entfernt sich zunehmend vom thermodynamischen Gleichgewicht.
Die Schwerkraft wirkt an den oberen, kälteren und damit dichteren
Schichten stärker als an den unteren. In der ganzen Flüssigkeit
erscheinen Strudel und Wirbel. Wird eine bestimmte kritische Temperaturdifferenz
erreicht, dann verlässt das System den chaotischen Zustand. Die Auftriebskräfte
werden größer als die Reibungskräfte, es kommt zur Wärmeströmung.
Eine winzige Bewegung eines Volumenelements nach oben oder nach unten
entscheidet darüber, ob sich auch die darüber oder darunter
liegenden Schichten in gleicher Weise bewegen. Schließlich bilden
sich Konvektionszellen
aus (Bild 6). Die mikroskopischen Fluktuationen
(Schwankungen) haben sich durch Kopplung soweit verstärkt, das sie
immer größere Raumbereiche erfüllen und schließlich
makroskopisch sichtbar werden. Diese Erscheinung wird nach ihren Entdecker
BÉNARD-Effekt genannt.
Die beschriebenen Konvektionszellen bilden je nach den gegebenen Bedingungen
(Form des Gefäßes, Viskosität der verwendeten Flüssigkeit)
unterschiedliche, das System charakterisierende Muster, die in einem bestimmten
Temperaturbereich stabil bleiben.
Solche Konvektionszellen bilden sich in der Natur an verschiedenen Stellen
heraus, z. B.
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in Form von Wolkenstraßen, |
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als Konvektionsströmungen im Ozean, |
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als großräumige Strömungen in der Konvektionszone der Erde. |
Die beschriebenen Zusammenhänge lassen sich auch
relativ elementar mathematisch beschreiben, so wie das nachfolgend dargestellt
ist.
Wird eine Flüssigkeitsschicht der Höhe d gleichmäßig
von unten erwärmt, so bildet sich in diesem offenen System am Boden
eine höhere Temperatur als in der übrigen Flüssigkeit heraus.
Der Ausgleich dieses noch geringen Temperaturunterschiedes kann über
Wärmeleitung erfolgen. Für die Wärme, die pro Zeiteinheit
durch Leitung transportiert werden kann, gilt:

Dabei sind A die Grundfläche,
d die Flüssigkeitshöhe, mit
der Temperaturunterschied und
die spezifische Wärmeleitfähigkeit der Flüssigkeit. Da
die Wärmeleitfähigkeit von Flüssigkeiten und Gasen sehr
gering gegenüber Festkörpern ist, verbleibt ein Teil der Wärme
im unteren Teil der Flüssigkeit, leistet an ihr Volumenarbeit und
führt zu einer Vergrößerung der Dichte gegenüber
den darüber liegenden Flüssigkeitsschichten:

Das ist eine instabile Situation, die zum Ausgleich
drängt:
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Ausgleich des Temperaturunterschiedes (System außerhalb des thermodynamischen Gleichgewichtes), |
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Ausgleich der auf die einzelnen Schichten wirkenden Kräfte (System außerhalb des statischen Gleichgewichts). |
Die Ausgleichsströmung wird jedoch durch die Viskosität (Zähigkeit) der Flüssigkeit behindert wird. Die Viskosität ruft eine Kraft hervor, die die Geschwindigkeitsunterschiede zwischen dem nach oben strömenden warmen und dem nach unten strömenden kalten Flüssigkeitsgebiet auszugleichen versucht. Dabei gilt:

Die Viskosität wirkt damit einer unmittelbaren Aufhebung der instabilen Situation entgegen. Setzt man die Energie, die den Konvektionsprozess antreibt, mit den Energieverlusten, die diesen Prozess hemmen, ins Verhältnis, so ergibt sich eine dimensionslose Zahl Ra (benannt nach RAYLEIGH , der als Erster Beziehungen für Instabilitäten in Flüssigkeiten untersucht hat):

Diese RAYLEIGH-Zahl Ra wird damit bestimmt durch
Materialkonstanten
| - | den Ausdehnungskoeffizienten
![]() |
| - | die Wärmeleitfähigkeit
![]() |
| - | die Viskosität ![]() |
| - | die Dichte ![]() |
geometrische Verhältnisse
| - | die Höhe der Flüssigkeit d |
äußere Einflüsse
| - | die Erdbeschleunigung g |
| - | die Temperaturdifferenz ![]() |
Gilt für die RAYLEIGH-Zahl Ra < 1, so tritt
nur Wärmeleitung auf. Bei Ra > 1 setzt die Konvektion ein und
die Wärmeströmung löst die Wärmeleitung ab. Untersuchungen
haben gezeigt, dass für eine große Anzahl von Flüssigkeiten
und Gasen der Übergang zur Konvektion bei derselben RAYLEIGH-Zahl
einsetzt
Bei einer bestimmten kritischen Temperatur werden die Auftriebskräfte
größer als die Reibungskräfte. Eine winzige Bewegung eines
Volumenelements nach oben oder nach unten entscheidet darüber, ob
sich auch die darüber und darunter liegenden Schichten in gleicher
Weise bewegen. Die mikroskopischen Fluktationen (Schwankungen) haben sich
durch Kopplung soweit verstärkt, dass sie immer größere
Raumbereiche erfüllen und schließlich makroskopisch sichtbar
werden. Es bilden sich Konvektionszellen aus. Für diese Ausgleichsströmungen
sind alle möglichen Formen denkbar. Genauere Untersuchungen zeigen
aber: Für eine bestimmte Flüssigkeit und eine gegebene Form
des Gefäßes bildet sich jeweils ein typisches Konvektionsmuster
heraus, das sich bei Wiederholung des Experiments unter gleichen Bedingungen
immer wieder so einstellt.
Für solche am Beispiel beschriebene sich selbst organisierende Systeme lassen sich die folgenden allgemeinen Merkmale formulieren:
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Es liegen offene Systeme vor, also Systeme, bei denen über die Systemgrenze hinweg Energie und Entropie importiert bzw. exportiert werden. |
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Dem System wird hochwertige Energie
zugeführt und von diesem zur Selbstorganisation genutzt. Das
System gibt entwertete Energie an die Umgebung ab. Daher werden solche
Systeme auch als dissipative
Systeme (Energie zerstreuende Systeme) bezeichnet. Der Energieimport
und -export und der damit unter Umständen verbundene Stoffimport
und -export ist ausgeglichen. Es gilt: |
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Mit dem Import hochwertiger Energie
erfolgt auch ein Entropieimport. Mit der Abgabe entwerteter Energie
erfolgt ein Entropieexport. Darüber hinaus sind die Vorgänge
im System nach dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik mit Entropieproduktion
verbunden. Damit ergibt sich als Bilanz für die Entropie des
Systems:![]() |
Da Selbstorganisation eine Erhöhung der Ordnung
im System bedeutet und eine solche Veränderung stets mit einer Entropieminderung
verbunden ist, gilt für den Prozess der Strukturbildung: Bei Strukturbildungen
muss die Entropieänderung des Systems kleiner null sein; es muss
also gelten:
Ist der Prozess der Strukturbildung abgeschlossen,
so ändert sich die Entropie des Systems nicht mehr. Selbstorganisation
ist demzufolge nur dann möglich, wenn ein System Entropie exportieren
kann. Da die Entropie nicht nur ein Maß für die Unordnung,
sondern auch für den Wert von Energie ist, kann ein System dann Entropie
exportieren, wenn ihm hochwertige Energie zugeführt und minderwertige
Energie von ihm abgegeben wird. Der Fall
würde einen irreversiblen Prozess kennzeichnen.
Weiterhin sind für offene Systeme, in denen Selbstorganisation erfolgt, die nachfolgenden Merkmale kennzeichnend:
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Energietransformation: Im System erfolgen zahlreiche Energieumwandlungen, die zwar insgesamt zu einer Entwertung von Energie führen, immer aber auch damit verbunden sind, dass ein Teil der Energie in eine spezielle hochwertige Form umgewandelt wird. Diesen Sachverhalt kennzeichnet man mit dem Terminus Energietransformation. |
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Gleichgewichtsferne: Selbstorganisation ist nur möglich, wenn der Abstand des Systems vom Gleichgewicht gewisse kritische Werte übersteigt. Man meint damit Zustände fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht. |
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Rückkopplung und Selbstverstärkung: Selbstorganisation ist in der Regel durch verschiedene Rückkopplungseffekte charakterisiert. Damit können minimale Veränderungen in den Bedingungen das Verhalten des ganzen Systems verändern. |
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Kooperation: Besteht ein selbstorganisiertes System aus einzelnen Komponenten, so müssen diese miteinander kooperieren, damit sich das System herausbilden kann und erhalten bleibt. |
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Symmetriebrechung: Die sich im System herausbildenden Strukturen sind ein Ausschnitt aus prinzipiell möglichen Strukturen. |
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Stabilität: Selbstorganisierte Systeme sind relativ stabil gegenüber kleinen Störungen durch die Umgebung. Größere Störungen sind eine Gefahr für das System. Wegen der Existenz kritischer Werte können sie zum Zusammenbruch der ganzen Struktur führen. |
Nachfolgend werden einige weitere Beispiele für
sich selbst organisierende Systeme genannt und erläutert.
Der Motor der Evolution
auf der Erde
Unsere Erde befindet sich in einem Strahlungsgleichgewicht. Das bedeutet:
Sie gibt genauso viel Energie an den umgebenden Weltraum ab wie sie von
der Sonne aufnimmt. Es handelt sich dabei in jeder Sekunde um etwa
.
Die von der Erde aufgenommene Energie ist aufgrund der hohen Temperatur
der Strahlungsquelle Sonne hochwertig. Mit ihrer Aufnahme ist ein Entropieimport
verbunden. Es gilt:
Durch die vielfältigen Prozesse auf der Erde wird die hochwertige Energie, die von der Sonne kommt, entwertet. Die Abgabe von Energie an den umgebenden Weltraum erfolgt bei einer Temperatur von etwa 260 K. Das ist die Temperatur der Erdoberfläche, die ein Beobachter aus großer Höhe messen würde. Damit ergibt sich für den Entropieexport der Erde:

Der Vergleich der Entropiewerte zeigt: Der Export
von Entropie übersteigt den Entropieimport etwa um das 20-fache.
Die Erde gibt im Mittel in jeder Sekunde folgende Entropie ab:
Der Entropieexport und damit die Entwertung von Energie ist die Voraussetzung
für die vielfältigen Prozesse der Selbstorganisation auf der
Erdoberfläche und in der Atmosphäre, z. B. für
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den Wasserkreislauf, |
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das Wettergeschehen, |
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die Entwicklung von Leben. |
Aus dem Zusammenhang zwischen Selbstorganisation
und Entropieexport (Entwertung von Energie) kann man auch schließen,
dass es Leben im Weltall (außerirdisches Leben) nur in der Nähe
hochwertiger Energiequellen (Sterne) geben kann. Fernab der Sonne oder
anderer Sterne können sich keine lebenden Strukturen entwickeln,
weil dort zu wenig hochwertige Strahlungsenergie zur Verfügung steht.
Tatsächlich hat man auf sonnenfernen Planeten bislang noch keinerlei
Lebensformen entdeckt.
Der Mensch als
thermodynamisches System
Physikalisch betrachtet ist der Mensch ein komplexes, hoch organisiertes,
offenes System (Bild 9). Betrachtet man nur den Grundumsatz
des Menschen, also die zur Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen notwendige
Energie, so nimmt der Mensch im Durchschnitt 6 500 kJ pro Tag
zu sich. Die von ihm aufgenommene Energie ist hochwertige Energie in den
organischen Substanzen der Lebensmittel. Diese stammt letztendlich aus
der Energie der Sonnenstrahlung, die über die Fotosynthese in den
pflanzlichen Zellen und durch die Nahrungsketten in die tierischen Nahrungsmittel
gelangt. Diese Energie wird durch den Verdauungsprozess entwertet. Damit
ist eine Entropieerhöhung (Vergrößerung der Unordnung)
verbunden.
Mit der Abgabe der entwerteten Energie an die Umgebung (Wärmestrahlung,
Ausscheidungen) wird auch die erzeugte Entropie exportiert. Der Entropieexport
eines Menschen kann mit folgender Gleichung berechnet werden:
Das ist der Entropieexport eines Menschen, bezogen
auf den Grundumsatz. Dieser Entropieexport ist die Voraussetzung dafür,
dass sich ein Mensch entwickeln kann.
Die BELOUSOV-ZHABOTINSKI-Reaktion
Bei "gewöhnlichen" chemischen Reaktionen verbinden sich
z. B. zwei Stoffe zu einem neuen, stabilen Stoff. Daneben gibt es
eine Reihe von chemischen Reaktionen, die nicht zu einem stabilen Zustand
führen, sondern die durch periodische Veränderungen gekennzeichnet
sind. Man spricht von selbst erregten Oszillationen.
Solche Oszillationen sind schon seit langem bekannt und wurden früher
als Kuriositäten angesehen. In einer Arbeit von 1832, veröffentlicht
in POGGENDORFs Annalen, heißt es:
"Eine kleine Flasche, welche etwas Phosphor enthielt, wurde eine Zeitlang als Feuerzeug gebraucht, ... ich bemerkte zufällig, dass sie dann und wann im Dunkeln ein ziemlich intensives Licht von sich gab. Dieses Phänomen machte mich aufmerksam und bald nahm ich wahr, dass sich das Leuchten ganz regelmäßig zu jeder siebenden Secunde wiederholte."
Die vielleicht berühmteste Reaktion dieser Art,
die zugleich auch eine der farbenfreudigsten ist, wird nach ihren russischen
Entdeckern BELOUSOV-ZHABOTINSKI-Reaktion genannt (Bild 10). Bei dieser
Reaktion organisieren sich die zufälligen chaotischen Bewegungen
der Moleküle spontan in räumlich-zeitlichen Strukturen. Die
geringste Schwankung in einem Teil der Lösung kann dabei verstärkt
werden. Kommt es an einer Stelle zu einer zufälligen Anhäufung
"roter" Moleküle, so fördern diese durch Autokatalyse
die Erzeugung weiterer "roter" Moleküle. So werden sich
in einem gewissen Bereich die "roten", in einem anderen die
"blauen" Moleküle verstärken. Dadurch entstehen großräumige
und zeitlich veränderliche Strukturen verschiedener Chemikalien.
Diese Strukturen lassen sich mitunter auf recht einfache
Weise erzeugen (Bild 11). Man kennt inzwischen viele Reaktionen,
die einer Selbstorganisation unterliegen.
Es wird vermutet, dass Reaktionen dieser Art schon in der Frühzeit
der Erde vorkamen. Dann wäre das Hervorbringen einer sich selbst
reproduzierenden Sequenz von Aminosäuren als Träger genetischer
Informationen nicht nur dem Zufall überlassen geblieben.